V wie Vorbilder. Das Welttheater Dürrenmatts als Andenken an Aristophanes. Julia Röthinger

Julia Röthinger spürt den literarischen Referenzen in Dürrenmatts Werk nach und fragt, wie Dürrenmatt Vorbildtexte gekonnt anverwandelt, fort- und umschreibt.

Die Welt der Atlasse, 1978
Friedrich Dürrenmatt: Die Welt der Atlasse, 1978 (Detail).
© Centre Dürrenmatt Neuchâtel/Schweizerische Eidgenossenschaft

Nachdrücklich hat sich Dürrenmatt als ein Schriftsteller stilisiert, der die Einfälle für seine Stoffe nicht in der Literatur, sondern in der Welt findet. Noch 1986 schreibt er in einem Brief an Max Frisch, dass er sich nicht sonderlich für die Schriftstellerei seiner Zeit interessiere. Bei genauerer Betrachtung seiner Dramen und Erzählungen offenbart sich jedoch eine Vielzahl an intertextuellen Verweisen, die geradezu den Kanon der Weltliteratur abstecken. Ob Shakespeare, Wieland, Büchner oder Brecht, aber auch Platon, Kafka, Strindberg und Glauser: Dürrenmatt wusste die Texte seiner Vorbilder zu interpretieren und für seine Zeit zu aktualisieren. Oft geschah diese Anverwandlung ‹unter der Hand› und nicht jedes Verweisspiel ist als ein solches erkennbar. Auf eine literarische Referenz bezog sich Dürrenmatt hingegen ausdrücklich, und auch über die vielen Jahrzehnte seines Schaffens hinweg. Schlussfolgert er 1952 in seiner Anmerkung zur Komödie, dass ein kritisches Zeitstück nur mehr «eine Komödie im Sinne des Aristophanes» sein könne, so stellt er sich in einem Selbstporträt aus den 1980er Jahren denn auch als eben diesen griechischen Komödiendichter dar. 

Ausgehend von diesen Beobachtungen, spüren wir der Frage nach, wie Dürrenmatt sich auf seine Vorbilder, ihre Texte und auf literarische Muster bezieht, und diese oft grotesk, aber stets mit Witz und Ironie um- und fortschreibt. Weiter überlegen wir, ob Dürrenmatt vielleicht nicht doch mit der Literatur über die Welt nachdenkt, und dabei im Andenken an Aristophanes sein ganz eigenes Konzept eines Welttheaters entwirft.

Fotoporträt Julia Röthinger
Julia Röthinger
© Melissa Bungartz

Zur Person: Julia Röthinger studierte Germanistik und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. 2018 ist ihre Dissertation mit dem Titel Ästhetische Erkenntnis und politisches Handeln: Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt in Konstellationen ihrer Zeit erschienen. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Centre Dürrenmatt Neuchâtel und arbeitet mit an der dreibändigen Publikation Wege und Umwege mit Friedrich Dürrenmatt. Das bildnerische und literarische Werk im Dialog (Steidl/Diogenes).

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