W wie Welt, verkehrte – Eine Exkursion in Dürrenmatts «Durcheinandertal». Alexander Honold

Wenn Gesetz nur gesetzeslos verteidigt werden kann und nur Anarchie zur sittlichen Ordnung verhilft, sind wir bei der Denkfigur der verkehrten Welt angelangt. Alexander Honold schreitet durchs «Durcheinandertal».

Die Welt der Atlasse, 1978
Friedrich Dürrenmatt: Die Welt der Atlasse, 1978 (Detail).
© Centre Dürrenmatt Neuchâtel/Schweizerische Eidgenossenschaft

Im Kurzroman Durcheinandertal paaren sich Gangster-Groteske, bei der typisierte US-amerikanische Verruchtheit auf gepflegte Schweizer Biederkeit trifft, mit der Einbeziehung Gottes als mitwirkende Spielfigur zur moralisch-religiösen Satire. Während die Gangster-Groteske bereits in den späten fünfziger Jahren als Handlungsskizze entstanden ist, erscheint der Einbezug Gottes erst in der späteren Fassung.

Über ein Dorf im Unterengadin wird Unheil gebracht. Das Gesetz kann am Ende nur mehr gesetzlos verteidigt, und die sittliche Ordnung nur auf dem Wege der Anarchie wiederhergestellt werden. Damit sind wir im Geltungsbereich jener literarisch weit zurückreichenden Denkfigur angelangt, die unter dem Namen «verkehrte Welt» Bekanntheit erlangte. Schon in den antiken Saturnalien und im rhetorischen Arsenal der diversen Unvorstellbarkeiten und Unmöglichkeiten ist das Konzept der «verkehrten Welt» als Darstellungsform gesellschaftlicher Missstände und Rebellionsformen vielfältig ausgearbeitet worden.

Dürrenmatts Hauptinteresse der «verkehrten Welt» liegt in der Dynamik einer nicht stillzustellenden Inversion kontradiktorischer Werte als solcher. Bei ihm schlagen die gesellschaftlichen und moralischen Gegensätze permanent ineinander um, dass es nicht mehr als Dialektik, sondern nur mehr als Komödie gelten kann. 

Wo alles in Taumel gerät, da kann nur der allerhöchste Beistand Abhilfe schaffen, die steile Einbeziehung Gottes selbst als einer mitwirkenden Spielfigur: kristallisiert um die Figur des Grossen Alten und des geschäftstüchtigen Busspredigers Moses Melker. Im Grundeinfall des bussfertigen Komplotts steckt eine philosophisch vertrackte, dramaturgisch effektvolle Neuauflage des Theodizee-Problems. Warum fördert der Grosse Alte einen weltfremden Spinner, wenn er bei dessen Projekten nicht selbst etwas zu verdienen hat?

Am Ende freilich bleibt in Dürrenmatts verkehrter Welt des Durcheinandertals von der Stellvertretung Gottes auf Erden nicht mehr als ein niedergebranntes Hotel mit nachglühenden Balken zurück. «Gott wurde zu einer bloßen Idee. Der Schaukelstuhl hörte nicht auf zu wippen.» (Durcheinandertal, 133)

Alexander Honold
Alexander Honold

Zur Person: Alexander Honold ist Ordinarius für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Uni-versität Basel. Er studierte Germanistik, Komparatistik, Philosophie und Lateinamerikanistik in München und Berlin. Er promovierte zu Musils Der Mann ohne Eigenschaften und habilitierte mit der Schrift Hölderlins Kalender. Astronomie und Revolution um 1800 an der Humboldt-Universität zu Berlin. Forschung u.a. im Bereich der Erzählforschung, der Kulturtheorie der Klassischen Moderne und zu Autorinnen und Autoren aus der Schweiz und aus Österreich. Er ist Präsident der Internationalen Hugo von Hofmannstal Gesellschaft und Mitherausgeber des Jahrbuchs der Deutschen Schillergesellschaft.

Letzte Monographie zur Schweizer Literatur: Die Tugenden und die Laster. Gottfried Kellers, Die Leute von Seldwyla (2018)

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