Z wie Zufall – Dürrenmatt und der Lauf der Dinge. Ursula Amrein

Der Frage, welche Rolle der Zufall bei Dürrenmatt spielt, wie sich dieser auf der Bühne zeigt und welche Rolle ihm in der dramaturgischen Verkettung der Ereignisse zukommt, geht Ursula Amrein nach. 

Die Welt der Atlasse, 1978
Friedrich Dürrenmatt: Die Welt der Atlasse, 1978 (Detail).
© Centre Dürrenmatt Neuchâtel/Schweizerische Eidgenossenschaft

Der «Zufall» ist als Schlüsselbegriff in Dürrenmatts Denken fest verankert. Er steht im Kontext weitläufiger Überlegungen, die ihn semantisch aufladen und philosophisch ausweiten. Salopp gesprochen: «Zufall» bezieht sich in Dürrenmatts Verwendungsweise auf die Frage nach dem Lauf der Dinge überhaupt. Im Medium der Literatur exponiert er diese Frage, experimentiert mit Antworten. Wie er den Lauf der Dinge auf die Bühne bringt und welche Rolle er dem Zufall in der dramaturgischen Verkettung der Ereignisse zuspricht, ist Gegenstand meiner Ausführungen.

Der Fokus ist dabei nicht auf Dürrenmatt allein gerichtet. Es geht darum, den Autor im zeitgeschichtlichen Horizont der Nachkriegsmoderne zu verorten und damit sein intellektuelles Profil zu schärfen. Mit dem Zürcher Schauspielhaus besitzt Dürrenmatt ein kreatives Zentrum, sein Schaffen entfaltet sich in Auseinandersetzung mit und in Konkurrenz zu Max Frisch, er schreibt gegen das übermächtige Vorbild Bertolt Brecht an und grenzt sich zugleich vom Dokumentartheater ab.

Fluchtpunkt dieser Diskussionen ist die Frage nach der Abbildbarkeit der Welt auf der Bühne und damit verbunden die kritische Reflexion auf die klassische Dramaturgie, die ihrerseits die Suche nach neuen Gestaltungsmöglichkeiten inspiriert. Dürrenmatt setzt auf die Dramaturgie des Zufalls, Frisch antwortet mit der Dramaturgie der Permutation. In beiden Fällen geht es darum, Kontingenz erfahrbar zu machen, dem Inkommensurablen Gestalt zu verleihen.

Fotoporträt Ursula Amrein
Ursula Amrein

Zur Person: Ursula Amrein ist Professorin für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Zürich. Sie ist Mitherausgeberin der Historisch-Kritischen Gottfried Keller Ausgabe sowie Herausgeberin und Mitautorin des Gottfried Keller Handbuchs, das zum 200. Geburtstag des Dichters in zweiter, erweiterter und illustrierter Auflage erschienen ist.

Besuch

Donnerstag, 17. Dezember 2020, 18.15 – 20 Uhr.

Seit Montag 27.Oktober gelten für die Nationalbibliothek die verschärften Coronaregeln des Kantons Bern. Deshalb findet die Ringvorlesung bis auf Weiteres nur noch online statt.

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