Rudolf Zinggelers 146 Fotoalben mit Originalabzügen dokumentieren die Schweiz zwischen 1883 und 1939. Album Nr. 6 führt durch das Bündnerische Bergell – eine Reise in Bildern, die Landschaften, Dorfleben und private Einblicke kunstvoll vereint.
Von Sarah Losego Tayyem

Fotoalben sind aus unserem Alltag nahezu verschwunden oder haben sich im digitalen Zeitalter stark verändert. Einst jedoch waren sie zentral für die eigenen Familien- und Reiseerinnerungen. Die Alben wurden häufig sorgfältig arrangiert und beschriftet. In der Graphischen Sammlung der Nationalbibliothek hat sich ein herausragendes Beispiel dieser Tradition erhalten: die 146 Fotoalben des Zürcher Seidenzwirnfabrikanten Rudolf Zinggeler. Diese in grobes, beigefarbenes Leinen gebundenen Alben enthalten Hunderte Originalabzüge, die zwischen 1883 und 1939 entstanden sind. Sie sind nicht nur künstlerisch bemerkenswert, sondern auch kultur- und landschaftshistorische Dokumente von unschätzbarem Wert. Sie sind Teil des Archivs von Zinggeler, welches insbesondere etwa 15‘000 seiner Original-Negative umfasst.
Album Nr. 6
Das kleinformatige Album Nr. 6 ist dem Bergell gewidmet. Es entfaltet sich wie ein visuelles Roadmovie und bebildert eine Reise, die Zinggeler zwischen 1927 und 1928 unternahm. Die fotografische Erzählung beginnt bei den Alpen oberhalb des Silsersees, führt über den Malojapass ins Bergell und endet jenseits der Landesgrenze im italienischen Städtchen Chiavenna. Dabei geht Zinggeler methodisch vor: Er umkreist das Tal zunächst von aussen, betrachtet es aus der Distanz, erkundet seine Ränder und tastet sich dann Schritt für Schritt ins Innere vor. Er dokumentiert die Region aus unterschiedlichen Winkeln: von weitläufigen Panoramaaufnahmen bis hin zu intimen Nahansichten. Die Bilder sind präzise komponiert und stets ergänzt durch handschriftliche Legenden, die von seiner Frau Louise verfasst wurden.
Zwischen Dokumentation und Familienerinnerung: Zinggelers Blick aufs Bergell

Die ersten Seiten des Albums zeigen die Alpen Grevasalvas und Blaunca sowie das Hotel Maloja Palace in beeindruckenden Fernansichten. Weiter dokumentiert Zinggeler die südlicher gelegenen Bergseen Cavloc und Bitabergh mit ihren spiegelnden Wasserflächen und dramatischen Bergpanoramen im Hintergrund. Im Bergell angekommen, zeigt er nicht nur Gesamtansichten der Ortschaften aus allen Himmelsrichtungen, sondern gewährt auch alltagsnahe Einblicke in das Dorfleben: Frauen beim Wäschewaschen am Brunnen, Bauern bei der Heuernte oder beladene Ochsenkarren auf den damals noch nicht asphaltierten Wegen.

Was Album Nr. 6 besonders macht, ist die Mischung aus dokumentarischer Strenge und persönlicher Note. Anders als in den meisten anderen Alben zur alpinen Bergwelt finden sich hier auch private Motive: Reisebegleiter oder Familienmitglieder erscheinen vereinzelt auf den Bildern, wenn auch meist klein im Hintergrund. Solche persönlichen Elemente verleihen dem Album eine ungewöhnliche Intimität, die in Zinggelers ansonsten sachlich dokumentarischem Werk selten ist.
Ein weiterer Höhepunkt des Albums ist die Aufzeichnung der verheerenden Überschwemmungen im Jahr 1927. Bilder von Geröllfeldern, umgeknickten Bäumen und beschädigten Landschaften sowie der Aufräumarbeiten und Reparatur zerstörter Infrastruktur stehen in starkem Kontrast zu den idyllischen Szenen des restlichen Albums und ergänzen es um eine dramatische Dimension.
Ein Roadmovie in schwarz-weiss

Zinggelers Fotoalben sind keine planlosen Sammlungen von Bildern, sondern sorgfältig kuratierte Werke mit einer klaren narrativen Struktur. Album Nr. 6 etwa führt die Betrachterin oder den Betrachter durch eine Abfolge von Landschaften, Ortschaften und Ereignissen, die an die Dramaturgie eines Roadmovies erinnern. Die sorgfältige Anordnung der Bilder unterstreicht Zinggelers Bestreben, seine Reisen nicht nur festzuhalten, sondern auch narrativ aufzubereiten. Diese Systematik spiegelt seinen disziplinierten Ansatz wider: Als Chemiker und Unternehmer war er es gewohnt, exakt und gründlich zu arbeiten – eine Haltung, die auch in seiner Freizeitbeschäftigung als Fotograf sichtbar wird.
Obwohl Album Nr. 6 nicht zu seinen «schönsten» Werken zählt, bietet es doch einen besonderen Einblick in Zinggelers Schaffen: Es zeigt ihn als künstlerisch ambitionierten, akribischen Dokumentaristen, der gelegentlich auch persönliche Momente einfängt. Mit seiner Mischung aus Landschaftsaufnahmen, Dorfszenen und seltenen privaten Motiven ist dieses Album nicht nur eine visuelle Reise durch das Bergell, sondern auch ein wertvolles Stück Kultur- und Sozialgeschichte der Schweiz.
Gustav Rudolf Zinggeler wurde am 8. Oktober 1864 in Wädenswil geboren und verstarb am 21. Juli 1954 in Kilchberg. Nach einem Studium der Chemie in Winterthur, Zürich und Genf trat er 1885 in die väterliche Seidenzwirnerei in Richterswil ein. Ab 1890 widmete er sich leidenschaftlich der Fotografie, insbesondere in den Bergregionen des Wallis, Graubündens und des Tessins war er oft unterwegs. Seine Bilder dokumentieren die Landschaften, das Alltagsleben und die Handwerkskunst der Landbevölkerung und sind von hohem historischem und ästhetischem Wert. Zinggeler hinterliess etwa 15'000 Fotopositive und 15'276 Glasnegative, die sich heute in der Schweizerischen Nationalbibliothek befinden. Weitere 2000 bis 3000 Glasnegative werden im Schweizerischen Nationalmuseum aufbewahrt.
Literatur und Quellen
- Lorenz Homberger, Walter Anderau,: Rudolf Zinggeler. Fotopionier in Kilchberg: vom Rebbauerndorf zur stadtnahen Zürichseegemeinde, in: Gemeinde Kilchberg, Neujahrsblatt, Nr. 043, 2002.
- Georg Sütterlin: «Zinggeler, Rudolf», in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 25.01.2015. Online: konsultiert am 30.06.2025.
- Nikolaus Wyss: Rudolf Zinggeler. Fotografien von 1890-1936. Ein Zürcher Industrieller erwandert die Schweiz. Basel: Verlag der Schweizerischen Gesellschaft für Volkskunde, 1991.
Letzte Änderung 25.11.2025
Kontakt
Schweizerische Nationalbibliothek
Graphische Sammlung
Hallwylstrasse 15
3003
Bern
Schweiz
Telefon
+41 58 462 89 71



