Er riet seinem Freund: «Versuchen Sie vor allem, nicht dort zu bleiben»

Ein umstrittener Essay, eine Männerfreundschaft und eine Hassliebe zu Bern: Das alles steckt in den Nachlässen des Historikers Gonzague de Reynold und des Professors Pierre-Olivier Walzer.

Von Denis Bussard

Es ist nicht selbstverständlich, dass die Nachlässe des Freiburger Historikers und Essayisten Reynold, eines glühenden Föderalisten, und des Literaturkritikers Walzer, Sympathisant der jurassischen Unabhängigkeit, in Bern zusammenfanden. Und doch spielte sich gerade in der Bundesstadt, genauer an ihrer Universität, ein wichtiger Teil des Schicksals beider Männer ab.

Reynold-Walzer
Flugblatt des Aktionskomitees zur «Affäre Reynold», eine Karikatur in der Berner Tagwacht (15. Oktober 1930) sowie die Einladung zum Gastvortrag von Gonzague de Reynold an der Universität Bern 1956. (Foto: Simon Schmid, NB)

Die aristokratische und autoritäre Neuauslegung der Schweizer Geschichte, die Reynold, seit 1915 Literaturprofessor an der Universität Bern, in La «Démocratie et la Suisse» (1929) unterbreitete, sorgte für heftige Diskussionen in der politischen und akademischen Welt Berns. Einige Stimmen prangerten die mangelhafte Wissenschaftlichkeit des Essays an, die meisten Vorwürfe aber richteten sich gegen die Thesen, die Reynold hier wie auch in seinen Vorlesungen vertrat. Ein Aktionskomitee, das ein Flugblatt mit dem Titel «Die Affäre Reynold» verbreitete, beschuldigte ihn, die akademische Bühne zur Verbreitung antiliberaler und antidemokratischer Ideen zu missbrauchen und in seiner Lehre ultrakatholische Schriftsteller zu bevorzugen. Gegenüber Parlamentariern, die eine Untersuchung forderten, verteidigte die Kantonsregierung Reynold im Namen der Meinungsfreiheit und universitären Unabhängigkeit. Da er sich in der Bundesstadt isoliert fühlte, folgte Reynold schliesslich 1931 dem Ruf der Universität Freiburg auf den Lehrstuhl für Geschichte der modernen Zivilisation.

Hier in Freiburg lernte der junge Walzer Reynold Anfang der 1940er-Jahre kennen. Walzer unterrichtete damals in einem Interniertenlager und besuchte gleichzeitig die Vorlesungen des Historikers. Der klassisch gebildete Walzer hatte sich in Frankreich in einem «Kreis traditionalistischer katholischer Intellektueller am äussersten rechten Rand» (Claude Hauser, 1999) bewegt und hing der von Reynold propagierten «katholisch-konservativen» Version der Schweiz an.

Nach dem Krieg distanzierte sich Walzer zwar von der Ideologie des Freiburger Adligen, folgte ihm jedoch beruflich nach: Ein Jahrzehnt nach Reynolds Abgang aus Bern unterrichtete er selbst da (an der Realschule). «Nun sind Sie also in Bern», schrieb ihm Reynold 1943 und empfahl: «Versuchen Sie, dort nicht Ihr Temperament zu verlieren, wie es laut einem Palais-Tierarzt mit Rassehunden und -pferden zu geschehen pflegt, kaum sind sie da. Versuchen Sie vor allem, nicht dort zu bleiben.» Walzer jedoch absolvierte seine gesamte Laufbahn (1955–1985) als Professor für französische Literatur an der Universität Bern und führte sogar die Versöhnung Reynolds mit der Bundesstadt herbei: Auf Einladung des neuen Professors hielt der Freiburger Historiker 1956 einen Vortrag über «La Berne française au XVIIIe siècle». Drei Tage später vertraute Reynold Walzer an: «Ihnen verdanke ich [...] diese freudige Rückkehr nach Bern [...]. Ein wichtiger Moment in meinem Leben.»

Während Reynold in seinen Mémoires schnell über das, was er «den grossen Sturm» nannte, hinwegging, wurde Walzer zu einem der ersten Historiografen der «Affäre Reynold»: 1980 stellte er eine Dokumentation zusammen und rekapitulierte die Geschehnisse in etwas voreingenommener Weise im Journal de Genève. Walzer ergriff stets Partei für seinen ehemaligen Lehrer und Freund. Er verteidigte vor allem den Schriftsteller und Menschen, den er gekannt hatte und der seiner Meinung nach gerne provokativ und ironisch war – gegenüber der „kalten Wissenschaft“ (Walzer) der neuen Historiker, die seitdem den Einfluss dieses „Ideologen einer autoritären Schweiz“ (Aram Mattioli, 1997) auf die reaktionären Bewegungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgezeigt haben.

Die Inventare der Nachlässe des Professors und Verlegers Pierre-Olivier Walzer (1915–2000) und des Historikers und Essayisten Gonzague de Reynold (1880–1970) sind seit diesem Sommer auf HelveticArchives online verfügbar. Sie ergänzen detailreich die bisherigen Papierkataloge der beiden Bestände, die 1956 (Reynold) und 1991 (Walzer) an die Schweizerische Nationalbibliothek gelangt sind.

Letzte Änderung 08.09.2025

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