Zensierte Sprache des Herzens

Im literarischen Nachlass des NZZ-Korrespondenten und rätoromanischen Schriftstellers Reto Caratsch zeigen sich Spuren der deutschen Briefzensur im Zweiten Weltkrieg.

Von Claudia Cathomas

Der Journalist und Schriftsteller Reto Caratsch und seine Frau Irma schrieben sich über 47 Jahre regelmässig, sobald sie voneinander getrennt waren. Fast 300 dieser Briefe sind im neu erschlossenen Nachlass von Reto Caratsch im Schweizerischen Literaturarchiv erhalten. Die Briefe zeugen von einer innigen Vertrautheit und dokumentieren das geschriebene Ladinische der Briefkommunikation über ein halbes Jahrhundert hinweg. Nur fünf der erhaltenen Briefe und Postkarten sind nicht rätoromanisch: Zwei Stempel mit der Aufschrift «Geprüft Oberkommando der Wehrmacht» verweisen auf den Ursprung des für diese Korrespondenz untypischen Sprachenwechsels.

Die fünf Briefe von 1939 und 1940 stammen aus Reto Caratschs Zeit in Berlin, wo er seit 1932 als Auslandskorrespondent für die NZZ tätig war und wo auch seine Frau und seine drei Kinder zeitweise mit ihm gelebt haben. Sie sind Zeugen einer strengen Zensur, die sich nicht nur auf den Briefverkehr beschränkte. Auch in Telefongesprächen waren unbekannte Sprachen wie das Rätoromanische unerwünscht. «Sprechen Sie eine verständliche Sprache, sonst wird die Verbindung abgebrochen», wurde Irma Caratsch jeweils nach einigen Minuten verwarnt, wenn sie mit ihrer Mutter am Telefon rätoromanisch sprach. Reto Caratsch nutzte seine Muttersprache, um seinem rätoromanischen NZZ-Inlandskollegen Nicolo Biert heikle Informationen zu übermitteln, bis das Gespräch abgebrochen wurde, wie der Sohn und langjährige Diplomat Claudio Caratsch berichtet. In Caratschs NZZ-Artikeln bleiben seine Worte deutsch und deutlich. Mutig bezeichnet er als einer der ersten Journalisten Adolf Hitler im März 1938 als Diktator und kommentiert seine politischen Schritte kritisch. Von der deutschen Presse wird er darauf als «übler Hetzjournalist» betitelt. Auch in den rätoromanischen Briefen an seine Frau nimmt Reto Caratsch in Bezug auf die Verfolgung der Juden in Berlin, die auch Freunde des Ehepaars betraf, kein Blatt vor den Mund.

Die erhaltenen deutsch- und italienischsprachigen Briefe von 1939 und 1940 umgehen dieses Thema grösstenteils. «Es ist mir so fremd, Dir meinem Lieben auf deutsch zu schreiben. Ich komme mir vor, wie wenn ich einen Aufsatz schreiben würde», bemerkt Irma Caratsch in ihrem Brief vom 24. Juni 1940. Um ihren Mann auf von der Zensur ausgesonderte Briefe aufmerksam zu machen, schlägt sie ein paar Tage darauf auf Italienisch vor, die Briefe zu nummerieren: «Questa la mia serebbe n° 3». Zu vielen nummerierten Briefen sollte es nicht mehr kommen. Nur eine Woche darauf wird Reto Caratsch dazu aufgefordert, binnen 24 Stunden das deutsche Reichsgebiet zu verlassen. Sein Bericht über einen Riss in den deutsch-sowjetrussischen Beziehungen hatte ihn endgültig zur persona non grata gemacht, die vom deutschfreundlichen Schweizer Botschafter in Berlin, Hans Frölicher, keine Unterstützung erwarten durfte. In seinem Tagebuch schildert Caratsch den «widerwärtigen» Ablauf der Ausweisung. Bei seiner Ankunft in Zürich freut er sich über «meine Stauffacherin, die die Geschicke der langen Berlinerzeit redlich mit mir geteilt hat» und über ein Land, «wo du deiner Zeitung schreiben kannst, die Regierung sei auf dem Holzweg mit der und der Massnahme, und die Zeitung druckt es ab, wenn ein Funke von Vernunft in Deiner Einsendung steckt und der Redakteur nicht gerade eine Windfahne ist». Auch im Privatleben haben Reto und Irma Caratsch nach 1940 ihre Worte und ihre Sprache selbst gewählt − und sind beim Rätoromanischen geblieben.

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