Mein Schweizer Schatz: Perito Moreno

Perito Moreno Glacier
Perito-Moreno-Gletscher, Patagonien, Argentinien. Foto: Luca Galuzzi 2005, Wikimedia Commons, CC BY-SA

Meine Leidenschaft für Argentinien entstand schon in meiner Kindheit. Ich erinnere mich an den Moment, in dem ich zufällig in einem Buch blätterte und auf ein Bild des Perito-Moreno-Gletschers stiess. Ich hatte auch schon Bilder von fernen Landschaften gesehen, aber keines hat mich so geprägt wie diese Illustration. Ich konnte der Faszination dieses riesigen Gletschers nicht widerstehen. Seine Spitze ragt in einen See, während sich die Gletscher in meiner Region in Gletscherkesseln in den Bergen verstecken. Zum ersten Mal interessierte ich mich für Argentinien, ein Wunderland. Ich war auf eine Region gestossen, die ich entdecken wollte.

Um meine Neugierde zu stillen, machte ich mich auf die Suche nach Werken über Patagonien, wo sich dieser wundervolle Gletscher befindet. Mir wurde schnell bewusst, wie schwer zu erreichen und wie unwirtlich der entlegene Gletscher ist. Himmel, Erde und Meer sind unerbittlich in dieser südlichen Hölle. Mein Interesse galt rasch den ersten Menschen, die diese Gegend bewohnten. Wer waren die Männer und Frauen, die in solch aussergewöhnlichen geografischen und klimatischen Bedingungen lebten? Wer waren die «patagonischen Indianer», die Magellans Chronist Pigafatta als «so gross, dass der Grösste von uns ihnen bis zum Gürtel reichte» beschrieb?

Auf der Suche nach Informationen zu dieser indigenen Bevölkerung konsultierte ich den Katalog der Nationalbibliothek – ohne allzu grosse Hoffnung allerdings, da das Thema nichts mit der Schweiz zu tun hatte. Zu meiner grossen Überraschung fand ich dann aber das Buch «Patagonie et Terre de feu» von Jean-Christian Spahni, einem Schweizer Ethnologen und Archäologen, der mehrere Dokumentationen über die amerindianische Bevölkerung Südamerikas verfasste. Die Publikation aus den 1970er-Jahren entsprach meinen Erwartungen voll und ganz. Der Autor nimmt uns mit auf seine Reise und lässt uns an seinen ethnologischen Betrachtungen teilhaben. Die Schilderung des Roadtrips führt uns von Buenos Aires ins argentinische und chilenische Patagonien. Er erzählt von seinen Begegnungen mit den verschiedensten Menschen, vom Estanciero zum Gaucho. Er erwähnt auch die Geschichte der präkolumbianischen Bevölkerung, welche die Gegend bewohnt hatte.

Wenn wir den Autor auf seiner Reise begleiten, entdecken wir die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die heute grösstenteils verschwunden sind: Ona, Yaghan oder Araukaner, um nur einige zu nennen. Spahni beschreibt sehr umfassend ihr tägliches Leben und liefert uns Informationen zu ihrer Wohnung, ihrer Kleidung und ihrer Nahrung. So erfahren wir, dass für einige vor allem die Ressourcen des Meeres wichtig waren und für andere eher die Jagd. Der Autor befasst sich mit den vielen Traditionen, den religiösen Glaubensrichtungen und mit den Geburts- und Sterberitualen. Das Werk ist reich an Heldenlegenden voller Poesie, die stets eine Moral beinhalten.

In seinem Streben nach Vollständigkeit erwähnt Spahni die grossen Entdeckungen von Magellan bis FitzRoy und die dramatische Eroberung des Gebietes durch die Europäer. Er beschreibt auch die aktuellen Lebensbedingungen der wenigen noch lebenden Nachfahren der indigenen Bevölkerung.

Spahnis Buch ist voll von Fotografien, Zeichnungen und Karten, die er selbst erstellt hat. Sie zeigen die wilden patagonischen Landschaften und natürlich den Perito-Moreno-Gletscher sowie die verschiedenen Bewohnerinnen und Bewohner der Region. Während ich noch darauf warte, eines Tages nach Argentinien zu reisen, kann ich dank Spahnis Werk regelmässig von diesen Gegenden am anderen Ende der Welt träumen.

Fabienne Mabillard 
Graphische Sammlung Digital

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Letzte Änderung 30.08.2018

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