Mein Schweizer Schatz: «Fremder im Dorf»

Sehen und gesehen werden einmal anders: im Leukerbad der 50er Jahre.  

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Eigentlich würde die Schreibmaschine als kleines Wunder schon reichen: Der «Fremde im Dorf» ist nämlich der einzige, der eine solche besitzt, sie für seinen Aufenthalt in Leukerbad mitgebracht hat. Viel aufregender jedoch, dass der Besitzer des viel bestaunten Gegenstands ein Schwarzer ist, ein «lebendes Wunder». Und so tönt es laut «Neger, Neger», sobald James Baldwin, ein Schriftsteller aus New York 1951 durch das kleine Bergdorf geht oder «länger als fünf Minuten in der Sonne» sitzt – ungenierte Rufe und entschuldbar, weil es Kinder sind, die das rufen, weil es eine andere Zeit ist.

Leicht könnte man den knapp zwanzigseitigen Text anekdotisch abhandeln, als Kuriosum der Geschichte sehen. Wenn Baldwin den Blick der Dörfler auf den Grossstädter und seinen zurück auf die kleine Dorfgemeinschaft beschreibt, bedient er dieses Bedürfnis geschickt. Aber so wie die Menschen aus Leukerbad nicht alles auf den ersten Blick gesehen haben (von Baldwins Homosexualität ist im ganzen Text nicht explizit die Rede), so eröffnet auch der Text erst nach und nach weitere Ebenen. Baldwins Reflexionen bleiben nicht am Offensichtlichen hängen, sondern graben tiefer.

Sie setzen an in der Kirche mit dem kleinen Negerlein, gefüttert von den Kirchgängern mit Geld, damit in Afrika schwarze Seelen gekauft werden können. Sie führen weiter zu Eroberung und Eroberten und wieder zurück zu den Dörflern und ihren Wurzeln: «Aus ihren Kirchenliedern und Tänzen gingen Beethoven und Bach hervor. Vor wenigen Jahrhunderten hatten sie ihre Blüte erreicht – ich aber war in Afrika und sah die Eroberer kommen.»

Baldwin beschreibt, warum «Neger, Neger» für ihn anders klingt als «Nigger, Nigger»: «Ich bin hier ein Fremder. Aber in Amerika bin ich zuhause, und derselbe Begriff bezeichnet dort den Zwiespalt, den meine Anwesenheit in der amerikanischen Seele ausgelöst hat.» Und weil er Amerikaner ist, mündet seine Analyse im Beleuchten des Verhältnisses von Schwarzen und Weissen in Amerika auf dem Hintergrund der Sklaverei. Zurück bis zum nicht allzu fernen Tag in der Vergangenheit, «an dem Amerikaner noch keine richtigen Amerikaner waren, sondern unzufriedene Europäer, die vor einem grossen, noch nicht eroberten Kontinent standen und vielleicht zufällig auf einen Marktplatz gerieten, wo sie zum ersten Mal im Leben Farbige sahen.»

Vieles ist seit der Erstpublikation des englischen Textes 1955 zum Thema gedacht, geschrieben und gelesen worden. Unbestritten ist Baldwin mit seinen Romanen auch heute noch eine wichtige Stimme – in diesem kleinen Essay hören wir sie früh und vor überraschender Kulisse, den Walliser Bergen.
Eine weisse Schweizerin im 21. Jahrhundert wie ich wird diesen von einem schwarzen Amerikaner Mitte des letzten Jahrhunderts verfassten Text auch nach mehrfachem Lesen nie ganz «verstehen». Und auch gesehen habe ich nicht alles bei der ersten Lektüre: wie dank der wunderbaren Gestaltung des leichten Büchleins von Seite zu Seite aus den schwarzen Punkten auf weissem Hintergrund das Porträt des Autors erscheint. Wie wenn er die Leserin zum Schluss mit leicht geneigtem Kopf spöttisch anschauen und fragen würde: Und, hast du wirklich verstanden?

 

James Baldwin, «Stranger in the village» bei Beacon press, Boston, Massachusetts 1955

 

Ruth Büttikofer
Stellvertretende Leiterin Dienst Marketing

 

Letzte Änderung 09.05.2019

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