Amrain als literarischer Teppich: Der Autor und sein Leser im Dialog

Die «Amrainer Gespräche» zeichnen den Weg des Schriftstellers Gerhard Meiers nach, dessen 100. Geburtstag sich dieser Tage jährt. 

Von Margit Gigerl

Meier: Amrainer Gespräche

Die Stimmen kommen aus einem anderen Jahrhundert, mitunter gar in einem verzerrten Sprechtempo, untermalt von einem diskontinuierlichen Rauschen und Kratzen. Selbst wenn die Musikkassetten gerade mal fünfundzwanzig Jahre alt sind, scheinen sie gleichsam dunkelsten prädigitalen Archiven zu entstammen. Auf siebzehn Tonbändern entspinnt sich zwischen dem Germanisten Werner  Morlang und dem Niederbipper Autor Gerhard Meier ein Dialog, dessen Protokoll zwei Jahre später unter dem Titel Das dunkle Fest des Lebens. Amrainer Gespräche in Buchform erscheinen wird. Analog zu den Gesprächen – die meist drei 45-minütige Tonbandseiten lang sind – wird darin in neun Kapiteln der Weg Gerhard Meiers und seiner «Schreibe», wie er selbst diese ironisch zu nennen pflegt, nachgegangen.

Wie er sich beispielsweise als gerade mal zwanzigjähriger Familienvater literarische Abstinenz auferlegt, wie ein «Säufer: entweder säuft er oder er säuft nicht. So hielt ich es mit der Literatur. Ich schrieb keinen literarischen Satz mehr, las praktisch kein Buch mehr, und das über zwanzig Jahre hin ganz streng.» Erst 1956/57, während eines halbjährigen Kuraufenthalts in einem Lungensanatorium, sei er in die Literatur «heimgekehrt». Nach insgesamt 33 langen Jahren, in denen Gerhard Meier in der Niederbipper Lampenfabrik AKA seine «Bürgerlichkeit quasi abgestottert» hat, wird er mit 54 Jahren freier Schriftsteller.

Nach diesem eröffnenden biografischen Prolog folgen mäandernde und doch stets zentrierte Erkundungen entlang der Entwicklung des Autors von der knappen Lyrik über die kurze Prosa bis zur grossen Tetralogie Baur und Bindschädler. Dabei nehmen sich Werner Morlang und Gerhard Meier Zeit: auf den Tag genau ein Jahr, vom 18. Dezember 1992 bis zum 17. Dezember 1993. Themen werden aufgefächert, Fragen und Antworten dürfen sich bedächtig entwickeln – was weniger mit Langsamkeit als vielmehr mit Achtsamkeit und Sorgfalt des Denkens und Sprechens zu tun hat.

Wie die beiden literarischen Kunstfiguren Baur und Bindschädler knüpft der Autor auch in seiner Zwiesprache mit Werner Morlang ein dichtes Geflecht von Motiven und Bildern, «einem Teppich vergleichbar, einem handgewobenen, bei dessen Herstellung besonders auf die Farben, Motive achtgegeben wird, die sich wiederholen, abgewandelt natürlich, eben handwerklich gefertigt». Mit zahlreichen Bezügen zu den Werken anderer Autoren, Bildender Künstler und Musiker fügen sie sich wie in einer Partitur mit historischem und imaginärem «Gelände» zum poetischen Kosmos Gerhard Meiers: Amrain, das von Massliebchen, Schwalben und Schmetterlingen, Tönen und Farben, Lebenden und Toten beseelte Städtchen am Jurasüdfuss.

Für die Publikation habe, so Werner Morlang im Nachwort, als oberstes Gebot Authentizität gegolten, so dass er von den Tonkonserven zuerst stets eine getreue Eins-zu-eins-Transkription angefertigt habe. Auch wenn diese anschliessend noch redigiert wurden, bewahrt das schriftliche Wechselspiel von Morlangs Fragen und Meiers Antworten die ganz eigene Tonalität und den Rhythmus der Gedankenspaziergänge des Autors und seines feinsinnigen Lesers und Gesprächspartners.

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