Die surselvische Lyrikerin Tresa Rüthers-Seeli schrieb buchstäblich gegen Felsen an: mit subtilem Blick auf Frauenleben und Rollenbilder in unveröffentlichten Prosatexten, die man in ihrem Archiv entdecken kann. Ihre Texte verknüpfen Dorfrealität, weibliche Perspektiven und Biografie.
Von Claudia Cathomas
In ihrem Gedicht Biografia schreibt die Lyrikerin Tresa Rüthers-Seeli vom steten Tropfen, der den Stein nicht zu höhlen vermag – ein Bild, das sich auf ihre Rolle als schreibende Frau in Zeiten der Gleichstellungsdebatten ab den 1950er-Jahren übertragen lässt. Die surselvische Autorin greift in ihren Gedichten subtil Aspekte weiblichen Schreibens auf. Davon zeugen auch unbekanntere, teils unpublizierte Prosatexte aus ihrem literarischen Archiv, das sie im Jahr 2023 dem Schweizerischen Literaturarchiv übergab.
Zu entdecken sind sowohl fiktionale Prosastücke als auch autobiographische Texte wie Mia biografia. «Wer schreibt, schreibt biografisch, anderes ist fast nicht möglich», steht da zu lesen, und so finden sich denn auch in ihren fiktionalen Texten Bezüge zu ihrem Leben.

Die 1931 geborene Autorin wächst in Falera in einer Bergbauernfamilie auf. Bereits 1956 veröffentlicht sie erste Gedichte und kurze Texte, damals noch unter dem Pseudonym Melania. «Ich lebte in einer kleinen Dorfgemeinschaft und wollte nicht erkannt werden», begründet sie diesen Entscheid. Die Anonymität erlaubt ihr, auch heikle Themen anzusprechen. Die deutschsprachigen Texte Mein Dorf und Meine guten Nachbarn skizzieren beispielsweise Erfahrungen und Figuren aus ihrer Kindheit in ihrem Heimatdorf. Häufig rücken hierbei Frauen ins Zentrum. Als eine der ersten Autorinnen ihrer Region beschreibt sie aus Frauensicht die Ungleichbehandlung der Geschlechter und die ersten Zeichen des Widerstands im Dorf: Da schimpft etwa der neue Pfarrer über Frauen, die sich die Zöpfe abschneiden lassen, und die Hausfrau schlägt dem Ehemann als kreative Freizeitbeschäftigung Hausarbeit vor.
In weiteren Typoskripten literarischer Kurzprosa setzt sich Rüthers-Seeli mit unterschiedlichen, teils klischierten Frauenfiguren auseinander: die gedemütigte Dienstmagd und die strengen Meisterinnen, die liebenswürdige und doch eigenartige Tante, die aufopfernde Hausfrau und Mutter, die furchteinflössende Nachbarsfrau, die vor ihrem Fenster Schädel ausstellt. Ein unbetitelter Entwurf porträtiert eine Frau, der eine Ausbildung verwehrt bleibt, die stattdessen diejenige der Brüder mitfinanzieren muss und ihr Leben in den Dienst anderer stellt.
Auch hier schwingt Biographisches mit – teils im Kontrast: Rüthers-Seeli und ihre vier Schwestern erhielten entgegen den damaligen Konventionen eine Ausbildung. Sie wurde Lehrerin für Textiles Gestalten, dann Au-pair in Paris, wechselte in die Frauenbildung der Kantone Uri und Graubünden, leitete ein Jahr die Bergheimatschule Gurtnellen und absolvierte daraufhin eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin an der sozialen Frauenschule in Luzern. Im Jahr 1962 heiratete sie den angehenden Juristen Bernd Rüthers und lebte mit ihm und ihrer 1963 geborenen Tochter in Deutschland und später in der Region des Bodensees, wo sie bis 1992 als Buchhändlerin arbeitete.
Mit ironischem Blick lässt sie die Erzählerin in La scadiola, la dieta e la dunna Holla (‘Die Tasse, die Tagung und Frau Holle’) sich ausmalen, wie es wäre, als Mann durch die Welt zu gehen, bevor die abzuwaschenden Tassen sie in die Wirklichkeit zurückrufen. Die Autorin selbst liess sich nicht immer in die Küche zurückrufen, sondern hat durch ihr literarisches Werk surselvische Frauenrealitäten ihrer Zeit sichtbar gemacht.
Tresa Rüthers-Seeli (*1931) publiziert seit über 60 Jahren Lyrik und Kurzprosa in Magazinen und Anthologien. 1987 erschien ihr Buch Tras melli veiders, die erste unabhängige Buchpublikation einer Autorin im rätoromanischen Idiom Sursilvan, danach folgten weitere Publikationen ihrer Gedichte mit deutschen Übersetzungen.
Tresa Rüthers-Seeli hat den Anerkennungspreis des Kantons Graubünden und den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung erhalten.
Letzte Änderung 22.09.2025