Traugott Vogel sandte Irmgard von Faber du Faur eine Fünf-Franken-Note. Dass der Geldschein nicht ausgegeben wurde, sondern bis heute fein säuberlich im Umschlag geblieben ist, zeigt, was für die Schriftstellerin zählt.
Von Lena Brügger
Als die deutsche Kinder- und Jugendschriftstellerin Irmgard von Faber du Faur im Juni 1933 mit ihrer dreijährigen Tochter und ihrem jüdischen Ehemann Franz Mannheimer den Gang ins Schweizer Exil antritt, darf sie auf die Unterstützung mehrerer Schweizer Autorinnen und Autoren zählen, darunter Maria Waser und Traugott Vogel. Irmgard von Faber du Faurs Leben ist schon früh ein sehr bewegtes: Ihre Kindheit verbringt sie nicht nur in München, sondern auch in Paris und Zürich. Später besucht sie naturwissenschaftliche und philosophische Vorlesungen in Genf. Ihre Aufenthalte in der Schweiz waren es auch, die es ihr ermöglichten, die später so hilfreichen Kontakte zu knüpfen. Traugott Vogel sorgt unter anderem dafür, dass die Familie eine erste Bleibe auf Zeit findet, und ist später massgeblich daran beteiligt, dass Irmgard und Franz Mannheimer im Nidelbad (Rüschlikon, ZH) ein Haus finden, in dem sie bis an ihr Lebensende bleiben.

Dass es sich bei dem Zürcher Schriftsteller und Pädagogen Traugott Vogel (1894-1975) um einen treuen und unermüdlichen Unterstützer der Familie Mannheimer wie auch um einen engen Freund handelte, zeigt nicht nur die schiere Masse der Korrespondenz, sondern auch deren thematische Breite. Neben unzähligen Briefen, in denen Vogel für die deutsche Familie bürgt oder darüber berichtet, wie es sich mit ihrer Aufenthaltsbewilligung verhält, finden sich auch viele Postkarten, Geburtstagsglückwünsche und Einladungen zum Abendessen im Nachlass von Irmgard Faber du Faur im Schweizerischen Literaturarchiv.
Vogel schien nicht nur in Asylangelegenheiten die erste Ansprechperson von Faber du Faur zu sein. Auch in literarischen Fragen wandte sie sich oft an ihn. So finden sich bei den Briefen annotierte Manuskripte, die sie sich gegenseitig hin- und hergeschickt haben, Rezensionen, Empfehlungen und Ratschläge zu den jeweiligen Texten. Beide schrieben Texte für Kinder und Jugendliche, die oft einen pädagogischen Hintergrund hatten, und bestärkten sich in diesem Aspekt. Ein Fundstück, das die Freundschaft der beiden besonders hervorhebt, ist ein Fünf-Franken-Geldschein aus einem Brief vom 7. Dezember 1933. Im Schreiben, in dem die Banknote gefunden wurde, entschuldigt sich Vogel dafür, dass er eine Lesung von Faber du Faur verpassen werde, für die er eigentlich angemeldet war. Mit dem Geld, so schreibt er, wolle er als Entschädigung dafür einen Beitrag zur Übernachtung der Familie im Hotel leisten.
Dass die Banknote offensichtlich nicht dafür verwendet wurde, sondern fein säuberlich im Umschlag mit Vogels Brief geblieben ist, zeigt einmal mehr das Wesen und die Überzeugungen von Faber du Faur. In vielen ihrer Texte hebt sie die Bescheidenheit und die Dankbarkeit als die grössten menschlichen Tugenden hervor und betont, der wahre Wert im Leben liege in der Freude an den kleinen Dingen. Inmitten einer Lebensrealität, die stark von der Fluchterfahrung geprägt ist, konstruiert die Autorin in ihren Texten einen Gegenentwurf. Dazu verlagert sie das Geschehen oft in die Erlebniswelt der Kinder, wie in ihrem wohl bekanntesten Text «Kind und Welt» (1929). Sie hat mehrere Romane, eine Vielzahl an Dramen und Erzählungen wie «Die Welt» hinterlassen, die das Verhältnis von Mensch und Natur so früh schon kritisch reflektieren.
Kindheit dient in ihren Texten als utopischer Fluchtort. In «Die Kinderarche» (1935) beispielsweise leben die Kinder verfeindeter Ritter und Bauern den Erwachsenen die Möglichkeit eines friedvollen Miteinanders vor. Ihr Gedicht «Ziel» beginnt Faber du Faur mit den Worten: « Weisst du noch, wie dir als Kind / um die Welt lag Wunderschein?» und beendet es mit « Lieber Mensch Der Mühen Lohn, / einzig wertes Ziel und Kron: / Werd dem Kinde wieder gleich.»
Irmgard von Faber du Faur (1894–1955) wurde in München geboren und begann schon früh mit dem Schreiben von Gedichten und kürzeren Erzählungen. Nachdem sie als Erzieherin und Pädagogin an zwei Landschulheimen tätig war, entwickelte sich ihr literarisches Schaffen immer mehr in Richtung Kinder- und Jugendliteratur, sie veröffentlichte auch mehrere SJW-Hefte, wofür sie heute noch bekannt ist. Ihr Werk umfasst aber auch mehrere Romane, Lyrik und Theaterstücke für Erwachsene.
Letzte Änderung 06.03.2025