Schreiben mit vier Händen

Von 1986 bis 1993 verfolgten Ilma Rakusa und Rada Iveković ein vielsprachiges literarisches Projekt, das im Schweizerischen Literaturarchiv Spuren hinterlassen hat.

Von Karl Clemens Kübler

Alles begann an der sonnigen Adriaküste Jugoslawiens. Im Frühjahr 1986 bestieg die Zürcher Autorin und Übersetzerin Ilma Rakusa ein Flugzeug in Richtung Dubrovnik, um gemeinsam mit zahlreichen internationalen Wissenschaftlerinnen, Philosophinnen und Schriftstellerinnen an der Konferenz «Poetics and Politics of Women Writing» teilzunehmen. Während der akademisch anspruchsvollen Tage im pittoresken Rahmen knüpften sie ein Netzwerk, das in Teilen bis heute besteht und besondere literarische Früchte trug. 

Schriften zum IRRI-Projekt
Schriften zum IRRI-Projekt und Dokumente der regen Diskussion über den Feminismus in Jugoslawien. (Foto: NB, Simon Schmid)

Unter den zahlreichen Dokumenten zu Leben und Werk Ilma Rakusas im Schweizerischen Literaturarchiv findet sich ein bemerkenswertes Konvolut, das seinen Ursprung in jener Konferenz hat. Mit der jugoslawischen Philosophin und Indologin Rada Iveković, die ebenfalls in Dubrovnik anwesend war, begann Rakusa eine langjährige Korrespondenz, der die beiden mehrsprachigen Autorinnen den Titel IRRI gaben, entsprechend den Initialen ihrer Namen. Schon im Titel klingt dabei der programmatische Anspruch an, das eigene Leben und Schreiben im Briefwechsel mit dem Gegenüber und in der fortlaufenden Übersetzung von der einen in die andere Sprache zu reflektieren.

Das vielfältige Material umfasst sowohl Briefe als auch Werkmanuskripte zu einzelnen Aufsätzen und ihren Übersetzungen ins Französische, Serbokroatische, Englische, Deutsche, Spanische – gar in Hindi. Iveković, deren Spezialgebiet bis heute die indische Philosophie ist, versandte ihre Briefe per Luftpost aus dem fernen Varanasi. Das Besondere dabei ist, dass beide Autorinnen innerhalb ihrer Briefe und Schriften unvermittelt und doch mit leichter Hand die Sprachen wechseln, ganz im Bewusstsein dessen, dass die Andere einen Sinn im Sprachwechsel und in den fremden Worten erkennen wird. Rakusa und Iveković übersetzten literarische und theoretische Texte der jeweils Anderen in fortlaufendem Austausch miteinander, eigneten sich die Gedanken der Anderen an und schrieben sie zuweilen um oder weiter: «Schreiben mit vier Händen» nennen sie es in einer ihrer Projektskizzen.

Rakusa und Iveković blieben mit ihrem vierhändigen Schreiben jedoch nicht unter sich. Die Philosophinnen Eva Meyer aus Berlin und Maja Milčinski aus Ljubljana trugen zeitweise zum Austausch bei. Die Zusammenarbeit in mehreren Sprachen entwickelte sich über mehrere Jahre hinweg zu einem umfassenden Projekt, das auch nach aussen hin neue Perspektiven eröffnen sollte: Kann man im Sprachwechsel und in der fortlaufenden Übersetzung ein fliessendes Denken pflegen, anstatt der Welt starre Kategorien aufzudrücken? Solche Fragen werden im Projekt literarisch, aber auch mit Bezug auf zahlreiche Denker und Denkerinnen erörtert. 

Mit dem Beginn des Jugoslawienkriegs in den 1990er-Jahren verschob sich der Fokus der Korrespondenz der beiden Autorinnen hin zur Analyse und Kritik des erstarkenden Nationalismus und zu handfesten Themen wie der Frage nach einem Verbleib im zerfallenden Jugoslawien. Rada Iveković sah sich zuletzt wie viele andere feministische Intellektuelle dazu gezwungen zu emigrieren, in ihrem Fall von Zagreb nach Frankreich. Was als Spiel in der Mehrsprachigkeit begonnen hatte, fand so angesichts der nationalistischen Kampagnen der Kriegsjahre und der Tendenzen zur kulturellen Homogenisierung seinen Schlusspunkt. In Dubrovnik sollte viele Jahre lang keine Konferenz mehr zu feministischer Poetik und zur Übersetzungstheorie stattfinden.

Ilma Rakusa (*1946) ist Schriftstellerin, Übersetzerin und Literaturwissenschaftlerin. Die promovierte Slawistin verantwortet die mehrbändige Werkausgabe von Marina Zwetajewa. Sie hat zur russischen und zur französischen Literatur geforscht und ein sehr vielseitiges literarisches Werk aus Gedichten, Erzählungen, Dramoletten u.a. geschaffen. Ihren grössten literarischen Erfolg feierte sie mit ihrem Erinnerungsbuch «Mehr Meer» (2009). Ihr Archiv befindet sich seit 2017 im Schweizerischen Literaturarchiv.

Letzte Änderung 13.01.2025

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