Die gemeinsame Traumarbeit von Rose-Marie Pagnard und René Myrha

Kooperationen zwischen Künstlern verschiedener Disziplinen sind nicht selten. Aber es ist nicht so häufig, dass sie bei Paaren vorkommen, die eine Vorliebe fürs Traumhafte teilen.

Von Fabien Dubosson

 
 
 
 
 

Rose-Marie Pagnard und René Myrha sind kein gewöhnliches Paar. Sie ist Schriftstellerin, er Maler. Sie trägt den Namen ihres Ehemannes, er jenen einer Pariser Strasse. Seit fünfunddreissig Jahren leben sie auf einem grossen Bauernhof bei Les Breuleux in den Freibergen (Franches-Montagnes). Wenn es in dieser Region der Schweiz schneit, wirkt sie kaum weniger weit entfernt als Jakutien, kurzum eine ideale Gegend für Künstler. In allen Ecken des weiträumigen Hauses wurden Rückzugsorte zum Schreiben und zum Malen eingerichtet – ein grosses Atelier, ein enges Schreibstübchen, eine Mansarde, alles Zimmer, in denen man für sich sein kann.

Seit mehreren Jahrzehnten schon widmen sich die Schriftstellerin und der Maler so ihrem Schaffen, Seite an Seite, aber völlig unabhängig voneinander. Sie haben sich jedoch stets gegenseitig bewundert und auch regelmässig zusammengearbeitet. So wurden gemeinsam Bücher entworfen, in denen mal Myrhas Bilder Pagnards Texte «illustrieren», mal Pagnards Texte Myrhas Bilder «kommentieren» oder besser «träumen». 

Pagnard et Myrha
Partitur von Berlioz’ La Damnation de Faust mit Anmerkungen von Rose-Marie Pagnard, Un temps chasse l’autre (2017), eine Geburtstagskarte für «Nusch» Rose-Marie und ein Medaillon mit Zeichnungen von René Myrha. Archiv Rose-Marie Pagnard.
© Simon Schmid, NB

2010 haben Pagnard und Myrha zusammen eine Ausstellung im Kunsthistorischen Museum in Neuenburg realisiert, in der zu sehen war, wie ihre Schrift und seine Gemälde miteinander in einen Dialog treten. Dadurch, dass sie den Titel eines Romans der Schriftstellerin trug – Revenez chères images –, machte die Ausstellung deutlich, dass dem besagten Dialog zwischen Literatur und Bildkunst die Fiktion vorausging, namentlich Pagnards Geschichte des Malers Isaac Wunderling. Denn wenn es zu einem Dialog kommt, erfolgt dieser mit den Mitteln des jeweiligen Mediums: Man greift nicht in die Kreationen des Partners ein, aber man wird davon, was die Arbeit des Alter Egos in einem auslöst, zu literarischen bzw. malerischen Höchstleistungen angetrieben. 

Auch schreckt man nicht davor zurück, sich gemeinsam auf das ungewohnte Terrain anderer Künste vorzuwagen. So hat sich das Paar an der Konzeption zweier Opern, Hector Berlioz’ La Damnation de Faust (1992 in Montpellier) und Richard Wagners Parsifal (2006 in Erfurt), beteiligt: er als Verantwortlicher für Kulisse und Kostüme, sie als Regieassistentin und Verfasserin der Programmtexte. Das Archiv von Rose-Marie Pagnard im SLA dokumentiert diese vielfältige Zusammenarbeit durch mit Anmerkungen versehene Musikpartituren, Arbeitsentwürfe, Typoskripte und Bühnenpläne, aber auch durch kleine private Geschenke Myrhas an seine Frau wie ein bemaltes Medaillon oder Geburtstagskarten. Von den grossen Maschinerien der Oper bis zur simplen, aber wesentlichen Kunst der «kleinen Zuwendungen» bleibt die Spannung zwischen den Polen einer liebevollen Verehrung stets bestehen.

Überhaupt scheint die Kunst so etwas wie ein Transmissionsriemen für dieses Paarleben zu sein – ein Leben, das geleitet ist von einem beidseitig hohen Sinn für den Traum und die Fantasie. Schöpferisch tätig zu sein bedeutet für sie in erster Linie die Fähigkeit des Fantasierens. Die Alltagsrealität wird im Spiel mit dem Künstlichen und der Illusion überhöht, der zu glatten Oberfläche der Tage etwas von einer unheimlichen Fremdartigkeit zurückgegeben, «Frau Melancholia» mit ansehnlichen Farben und Worten gleichzeitig umworben wie gebannt. Letztlich und vor allem bedeutet es aber auch, daran zu erinnern, dass die Liebe sich geheimnisvoll stets neu erschafft – eine andauernde Schöpfung wie das Universum nach Descartes.

Rose-Marie Pagnard (1943 geboren) lebt in Les Breuleux (Jura). Sie ist Autorin verschiedener Romane und Novellensammlungen, darunter La Leçon de Judith (1993), der als Judiths Vermächtnis (2002) einzige ins Deutsche übersetzte Text, und die jüngste Publikation Jours merveilleux au bord de l’ombre (2016). 2015 erschien ein Dokumentarfilm von Claude Stadelmann über ihr und René Myrhas Werk (Des ailes et des ombres).

Letzte Änderung 03.03.2020

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