Die «Walpurgisnacht» von Albert Welti

Während der Inventarisierung der druckgrafischen Werke von Albert Welti (1862–1912) flackern bei Thomas Zweifel, Hochschulpraktikant in der Graphischen Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek, alte Kindheitserinnerungen wieder auf.

Walpurgisnacht
Albert Welti, «Walpurgisnacht», 1897

Als Kind stöberte ich gerne im Märchenbuch meiner Eltern – einem opulenten Bildband von Hans Peter Treichler – und gruselte mich bis tief in die Nacht. Das Buch war bevölkert von Feen, Drachen, dem Greiss, den Toggeli, il buttatsch (ein rollender Kuhbauch mit vier Augen, der das Lugnez heimsuchte), Geistersennen, büssenden Mailänderinnen – und natürlich Hexen.

Heute absolviere ich ein Hochschulpraktikum in der Graphischen Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek und inventarisiere eine Sammlung mit Druckgrafiken von Albert Welti (1862–1912). Und plötzlich erinnere ich mich an all die wohligen Schauer, die mir die Lektüre von einst bereitet hat, denn das Kapitel über den Hexensabbat war mit einer ganzseitigen Abbildung von Weltis Gemälde Walpurgisnacht illustriert, und eine ebensolche liegt jetzt als grossformatige Radierung vor mir. 

Als Kind habe ich mich immer gewundert, dass diese Hexen keine spitzen Hüte tragen und dass keine Raben oder Katzen auf ihren Schultern sitzen. Und warum waren sie  nackt? Welti lässt in seiner Walpurgisnacht die Hexen in wilder Bewegung aus einem Kamin purzeln., er selber beobachtet das nächtliche Treiben höchst verblüfft aus dem Fenster und wird  von der grössten Hexe mit ihrem Besen gekitzelt. Damit ist er Bestandteil eines prekären Kreislaufs, denn einerseits versucht er – so können wir annehmen – die halb aus dem Kamin gestiegene Hexe zurückzuhalten, andererseits neckt ihn der Anblick der durch die Luft wirbelnden Leiber.

Später, als ich in meinen Jugendjahren das Kunsthaus Zürich besuchte, fiel mir ein düsterer, achteckiger Raum auf, der direkt neben den lichtdurchfluteten Hallen mit ihren Hodlers, Monets und Mackes lag. Er war angefüllt mit kleinformatigen Gemälden, die mir gegenüber dem ex- und impressionistischen Sinnesrausch geradezu langweilig vorkamen – darunter ein besonders bieder anmutendes, das Die Eltern des Künstlers darstellt und mich an ein Altarbild aus der Renaissance erinnerte. Niemals hätte ich damals den Künstler, der diese scheinbar kleingeistigen Bilder geschaffen hatte, mit dem Maler jener wild daher fahrenden Frauenfiguren aus meiner Kindheit in Verbindung gebracht. 

Welti war Zeit seines Lebens zwischen dem bürgerlichen, familiären Ideal und seinem künstlerischen Empfinden hin- und hergerissen. Selbst der Mäzen Franz Rose-Döhlau, der ihm im Rahmen eines Vertrages den Lebensunterhalt finanzierte und im Gegenzug das gesamte künstlerische Schaffen erhielt, forderte ihn nach der Walpurgisnachtauf, weniger «Nacktheiten» zu malen, ihn dafür lieber mit dekorativen südlichen Landschaften zu versorgen – und schickte prompt die gesamte Familie Welti auf eine Studienreise nach Capri. 

Genau dieser Gegensatz prägt Albert Weltis Werk. Nun, mit Druckgrafiken aus der gesamten Schaffenszeit konfrontiert, kommen nicht nur völlig überraschend alte Kindheitserinnerungen wieder ans Tageslicht. Vielmehr fügen sich mehrere divergente Erinnerungen zu einem vielseitigen Bild zusammen und lassen für mich einen der bedeutendsten Schweizer Künstler in neuem Licht erscheinen.

Thomas Zweifel 
Grafische Sammlung 

 
 

Letzte Änderung 15.10.2020

Zum Seitenanfang

https://www.nb.admin.ch/content/snl/de/home/sammlungen/trouvaillen/mein-schweizer-schatz/walpurgisnacht.html