Werner Weber

Lesen als Beruf und Berufung

Von Christa Baumberger

«Wb.» - Schon vergessen, das Kürzel? Hoffentlich nicht, denn wie viel Einsicht und Einfluss, wie viel Wissen und Definitionsmacht stecken in diesen zwei unscheinbaren Buchstaben. «Wb» - Kein Geringerer als Werner Weber verbirgt sich dahinter, einer der einflussreichsten Literaturkritiker des deutschsprachigen Feuilletons im 20. Jahrhundert. Von 1946 an wirkte er als Redakteur und bald schon als Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung. 1973 erfolgte der Ruf als Professor für Literaturkritik an die Universität Zürich. 

Literaturkritik ist ein flüchtiges Geschäft, ein ständiges Anschreiben gegen das Vergessen. Kaum sind die Rezensionen erschienen, schon werden sie von einer Flut an Neuerscheinungen weggeschwemmt. Umso gewichtiger deshalb Webers Werk. Seiner Frau ist es zu verdanken, dass es in einer umfassenden Sammlung von 28 Ringordnern vorliegt. Während dreissig Jahren hat sie jeden NZZ-Artikel und jede Buchbesprechung sorgsam abgelegt und handschriftlich in einem Karteikasten verzeichnet.

Vom Lesen - unter diesem Titel erscheint am 10. August 1963 ein Artikel von «Wb.» in der NZZ. Für die Dauer dieses Textes zieht er sich aus dem geschäftigen Alltag zurück und denkt über seinen Beruf nach: Was macht ein Kritiker? Und was macht einen guten Kritiker aus?
Zuallererst ist er Leser und als solcher «in hoher Erregbarkeit bereit», sich immer wieder auf ein Werk und einen Autor einzulassen. Doch die «Begegnung mit dem Meister und seinem Wort» ist immer auch Selbstbegegnung; Lesen heisst auch Einsinken in sich selbst. Die Aufgabe des professionellen Lesers ist sodann die Vermittlung: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen den verschiedenen Kulturen und Literaturen.

Lesen, vermitteln - und wo bleibt die Wertung? Ist ein Kritiker nicht vornehmlich Richter der Literatur? Nein, vom «richterlichen Sagen» distanziert sich Weber. «Fragen und im Fragen die Vielfalt des Möglichen spürbar machen», darum geht es ihm. Sein Berufsethos kommt hier im Innersten zum Ausdruck: Es ist der vertiefte Dialog mit Autorinnen und Autoren. Und diese kontinuierliche Begleitung durch den Kritiker, ob öffentlich in der NZZ oder privat in Briefen und Gesprächen, wünschten sich alle. Webers Bereitschaft zum Dialog weitete den Beruf zur Berufung. So ist neben der immensen Rezensionssammlung über die Jahrzehnte ein nicht minder wertvolles privates Werk entstanden: seine Korrespondenz mit ganzen Autorengenerationen in der Schweiz. Beides kann im Schweizerischen Literaturarchiv eingesehen werden.
 

Werner Webers Artikel „Vom Lesen" (10.8.1963) findet sich im PDF in der rechten Spalte.

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