Paul Ilg

Leben zwischen Trotz und Resignation

von Lisa Hurter

«Der Autor und sein Kompagnon:
Hie Trotz, hie Resignation.
Der Eine hofft noch unbeirrt,
Der Andre riecht, was kommen wird.»

Ob es sich bei diesem Dokument um prophetische Voraussicht oder um selbstironische Rückschau handelt, muss offen bleiben, denn es ist nicht datiert. Beides wäre dem Thurgauer Autor Paul Ilg zuzutrauen: Nicht nur die literarischen Texte im Nachlass zeugen von seinem Humor, auch in der erhaltenen Korrespondenz finden sich dafür Beweise - genauso wie für die Gabe, Entwicklungen vorauszuahnen.

Die Fotografie stammt wohl aus der Zeit nach 1900, da Paul Ilg, das uneheliche Kind einer Fabrikarbeiterin aus Salenstein am Bodensee, als Redaktor und freier Schriftsteller in Berlin weilte, in den Salons der Grossstadt verkehrte und erste literarische Erfolge feierte. Die Protagonisten seiner Romane, gesellschaftliche Aufsteiger allesamt, kennzeichnet ein so trotziger wie verhängnisvoller Stolz, die sie mit dem Autor auf der Fotografie verbindet. Da ist zum Beispiel der Offizier Adolf Lenggenhager, Sohn eines Viehhändlers, der die Schweizer Armee nach preussischem Vorbild umgestalten möchte. Als er bei einem Zusammenstoss mit der Bevölkerung überreagiert, wenden sich seine Vorgesetzten und seine Verlobte, die schöne Obersttochter, von ihm ab. In einem letzten Akt trotziger Resignation nimmt er sich das Leben.

Paul Ilg hingegen blieb der «unbeirrten Hoffnung» treu. Nach der Scheidung von seiner ersten Frau heiratete er erneut und schaffte es, mit dem Einkommen als Schriftsteller seine Familie über Wasser zu halten. 1957 starb er im Alter von 82 Jahren in Uttwil am Bodensee. Eine Art von Resignation allerdings lässt sich auch bei Ilg ausmachen: Weil er von der Schriftstellerei leben wollte, begann er, so zu schreiben, dass sich seine Bücher verkauften, was ihm von Kritikern mehrfach vorgeworfen wurde. Trotzdem beschränkte sich Ilg nie darauf, bloss die Nase aus dem Korbstuhl in den Wind zu halten - er setzte bis zuletzt alles auf die Karte ‹Autorschaft›.


Lisa Hurter hat im Rahmen eines Stipendiums des Vereins zur Förderung des Schweizerischen Literaturarchivs den Nachlass von Paul Ilg erschlossen.

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