Annemarie Schwarzenbach

Gestreifte Wäsche ohne Gitterstäbe

Von Christa Baumberger

Wäsche im Wind, ein weisses Haus vor blauem Himmel. Wo sind wir? Sind hier Sträflinge getürmt und haben als Zeichen der Befreiung ihre Kleidung hängen lassen?
Eine Foto, viele Fragen.

Dieser Fund stammt aus dem Fotonachlass von Annemarie Schwarzenbach, es handelt sich um eine Serie von sechs Negativen mit dem Vermerk Harris County Penitentiary. Was ist ihre Geschichte?

1936 und 1937 unternimmt die Journalistin Reisen durch die Südstaaten der USA und berichtet in mehreren Reportagen über die politischen Zustände und die Armut zur Zeit der «grossen Depression». Schwarzenbach beschreibt Plantagen, Fabriken und versucht das Elend der schwarzen «Sharecroppers» (Baumwollpächter) zu fassen. Sie ist dem investigativen Journalismus verpflichtet, ihr Anliegen ist eine möglichst sachliche Dokumentation sozialer Zustände.

Dazu gehören die Fotografien aus dem Harris County Penitentiary bei Columbus (Georgia). Nicht dass das Gefängnis hinter hohen Mauern verborgen wäre. Im Gegenteil. Die erste Fotografie der Serie zeigt ein offenes Feld mit einem lockeren Drahtzaun. Nur eine handschriftliche Tafel verrät, dass es sich um ein Gefängnis handelt. Weitere Aufnahmen zeigen Verschläge, die an Bienenhäuser erinnern. Doch es sind «Cages», Käfige, in denen die Häftlinge hausen. Statt Seitenwände haben sie Gitter, so ist jeder Häftling dem Blick der Nachbarn ausgeliefert.

Doch wo sind die Gefangenen? «Ein hünenhafter weisser Aufseher hatte mir verboten, die Sträflinge zu photographieren - es waren in der überwiegenden Mehrzahl Schwarze, die mit schweren Ketten an den Fussgelenken im Hof hockten», schreibt Schwarzenbach in ihrer Reportage «... um die Ehre der amerikanischen Südstaaten» (Weltwoche, April 1938). Im Text nennt sie die Leute beim Namen, doch auf den Fotografien fehlen die Menschen. Nur einzelne Spuren verweisen auf diese Existenzen, die man möglichst spurlos aus der Gesellschaft zu entfernen suchte. So setzen die Fotografien ein Zeichen: Durch ihre offensichtliche Abwesenheit erhalten die Häftlinge eine drängende Präsenz.

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