Laure Wyss

«anno 2013» oder Laure Wyss‘ Geburtstagswunsch an die Schweiz

Von Franziska Kolp

«anno 2013». Dies ist der Ausgangspunkt von Laure Wyss' Beitrag für die Serie Mein Geburtstagswunsch an die Schweiz - 150mal die Schweiz*, die vom St. Galler Tagblatt 1998 anlässlich des 150. Geburtstages des Schweizerischen Bundesstaates lanciert wurde. In den einzelnen Beiträgen sollte die Diskussion um die Zukunft der Schweiz belebt und angeregt werden.
Winzig, im teuren Europa gelegen, aber mit gut dotierten Stipendien und «tipptoppen» Universitäten versehen, dazu durch das föderalistische System ein Muster für Europa: So lässt Laure Wyss das Bild der Schweiz in Feuerland zeichnen. Warum gerade in Feuerland? «Von Feuerland aus [...] seht Ihr uns jedoch im richtigen Massstab, und vielleicht stellt Ihr fest, dass ein kleines Land, das selbstkritisch zu seiner eigenen Geschichte steht und seine demokratischen Traditionen ernst nimmt und versucht, sie diszipliniert weiterzupflegen, gerade deshalb dem Lauf Europas gewachsen ist.» So lautet der Schluss der Briefe nach Feuerland. Wahrnehmungen zur Schweiz in Europa (1997) . In diesen zehn Briefen plädiert die Autorin - gestützt auf eigene Erfahrungen und Beobachtungen - für einen EU-Beitritt der Schweiz. Und im selben Zusammenhang entstand am 8. Juni 1998 Wyss‘ Text für das St. Galler Tagblatt:

«anno 2013. 2 Männer in einer Bar in Uschuaja, Feuerland:
Warum studiert Deine Tochter nicht in Buenos Aires? Wo steckt sie überhaupt?
In der Schweiz.
Wo ist das?
In Europa.
Schön teuer, so was.
Günstig, günstig. Sie hat tolle Stipendien. Die Universitäten dort sind tipptopp.
Und das in Europa?
Die Schweiz, sagt meine Tochter, sei ein winziges Land, aber ein Muster für ganz Europa; weil aufgeteilt in selbständige Gebiete, die heissen Kantone, alle leben in einem Bündnis zusammen, streitbar aber gut.
Das alles meldet Dir die Tochter?
Sie E-mailt fleissig. Kürzlich sei grad die Regierung in einen Kanton gezügelt, der früher Klamauk gegen sie gemacht habe, um selbständig zu werden. Hätten jetzt eine prima Verfassung. Deswegen der Umzug. Auch weil die neue Hauptstadt, Delémont, näher sei zu Europa. Auch mehr Umschwung biete für das Poesiestudium von Regierung und Verwaltung. Täglich 20 Minuten lesen, sich vorlesen lassen, auswendig lernen. Sei beispielhaft für die Welt, sagt meine Tochter.»

«anno 2013». Dies ist auch das Jahr des 100. Geburtstags der Autorin. Sie wurde am 20. Juni 1913 in Biel geboren und starb am 21. August 2002 in Zürich. Einen grossen Teil ihres Berufslebens verbrachte sie als Journalistin, bevor sie sich nach ihrer Pensionierung dem literarischen Schreiben widmete und sich dabei durch ihre engagierte, von hohem Ethos getragene Haltung grosses Ansehen verschaffte.

 

* publiziert in: St. Galler Tagblatt. 11.06.1998

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