Frühling am Laufmeter

Eine ausrollbare Wiese für Peter Bichsel zum Nichtstun unterwegs.

Von Christa Baumberger

Zum Frühjahrsbeginn ein Geschenk für Verträumte und Verliebte, Faulenzer und Fantasten, Tatkräftige und Tagträumer: Eine Wiese zum Ausrollen und Ausruhen. Eine Grussbotschaft aus dem Archiv, die zu Tagträumen einlädt: Statt über Tastaturen streichen Finger plötzlich über Grashalme, ein Frühlingslüftchen streift um die Nase. Schwebt da gar ein Sommervogel?
Doch diese Foto mit der Rasenrolle ist leider schon vergeben. Sie gehört Peter Bichsel. Es ist ein Geschenk der Schriftstellerin und Schauspielerin Aglaja Veteranyi, versehen mit der Bemerkung: «Besonders geeignet für das Nichtstun unterwegs.» Peter Bichsel ist in der Tat der grosse Müssiggänger unter den Schweizer Literaten. Man stellt sich gerne vor, wie er den Rasen entrollt, sich ausstreckt und auf Kopfreisen geht. Wohin? Ins Emmental oder nach Paris. Oder beides zusammen. Einer seiner Texte lautet:

Sehnsucht

In Langnau im Emmental gab
es ein Warenhaus. das hiess
Zur Stadt Paris. Ob das eine
Geschichte ist?

Gute Frage. Bichsels Geschichten erklingen auf ein Zauberwort, sie erheben sich auf dem fliegenden Rasenteppich der Imagination, blinzeln der Schweizer Provinz noch einmal aus der Höhe zu und entschweben in die weite Welt. Was aus ihnen wird? Ganz sicher keine ausgewachsenen Romane mit einer Handlung und Figuren. Seine Geschichten sind vielmehr Kürzesttexte, die sich selber immer wieder listig hinterfragen.

Aglaja Veteranyi nimmt in ihrer Literatur genau diese Bewegung auf. In einem Notizbuch schreibt sie über Peter Bichsels Texte: «Sie machen mich süchtig und ich muss sie immer und immer wieder lesen. Peter Bichsel – ob das eine Geschichte ist?» Sie selbst hat zeitlebens immer ein Notizbuch dabei, in dem sie kleine Schnappschüsse des Alltags notiert: Satzsplitter, Gedankenfetzen, sie führt aber auch minutiöse Wortlisten, nach Themen geordnet oder wild durcheinander. Manchmal entstehen daraus Texte, die in ihrer Verknappung und Lakonie an Bichsel erinnern. Aglaja Veteranyi gestaltet mit solchen Reizwörtern auch Postkarten, die sie den Empfängern wie poetische Bälle zuspielt: «Das Beste an diesem Satz ist der Inhalt» heisst es auf einer, «Blume (gestohlen)» auf einer anderen. Drei Karten finden sich auch in Peter Bichsels Archiv. Ein Wort ist mehr als ein Wort, ist eine ganze Welt, lautet die Grundbotschaft dieser Postkarten. Es ist zugleich der Grundzug von Veteranyis und Bichsels Literatur. Entsprechend sparsam, ja minimalistisch, sind ihre literarischen Welten, und immer nahe am Grat zum Verstummen. Oder wie Peter Bichsel in einem öffentlichen Abschiedsbrief nach Aglaja Veteranyis frühem Tod 2002 festhält: «Erzählen hat immer wieder mit dem Nicht-erzählen-Können zu tun.»

Bleibt zum Schluss noch die Frage, ob Peter Bichsel diesen Brief mit der Foto seiner Rasenrolle überhaupt je bekommen hat. Sonst sei er ihm auf diesem Weg überbracht – und allen Lesern die Einladung zu einem Besuch im Schweizerischen Literaturarchiv. Ausrollbare Wiesen sind bei uns zwar keine Meterware, Archivschachteln hingegen schon. Und jede birgt ihre eigene literarische Überraschung.

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