Ein Heiratsantrag im Archiv
Zwischen New York und dem Engadin entsteht 1951 eine grosse Liebe. Der frühe Briefwechsel des Künstler- und Schriftstellerpaars Erica und Gian Pedretti erzählt von Nähe auf Distanz.
Von Claudia Cathomas
Im November 1951 schreibt der junge Engadiner Künstler und Silberschmied Gian Pedretti einen Brief nach Amerika. Darin macht er Erica Schefter einen Heiratsantrag: «Nun meine geliebte Erica willst Du meine Braut sein?» Die Antwort lässt auf sich warten. Der Grund dafür ist banal und folgenreich zugleich: Er hat die Adresse auf dem Umschlag falsch notiert. Erst ein Telegramm Wochen später aus New York beruhigt ihn: «DANK FUER BRIEF SEHR GEFREUT STOP KAM ERST HEUTE FALSCHE ADRESSE STOP BRIEF FOLGT».
Die Briefe von Erica und Gian Pedretti aus den Jahren 1951 und 1952, heute in ihren beiden Nachlässen im Schweizerischen Literaturarchiv erhalten, erzählen von einer Annäherung über tausende Kilometer hinweg. Kennengelernt hatten sich die beiden 1947 in Zürich an der Kunstgewerbeschule. Erica Schefters Familie, die der deutschsprachigen Minderheit angehörte, wurde aus dem ehemaligen Nordmähren vertrieben und flüchtete in die Schweiz, wo Erica sich zur Silberschmiedin ausbildete. 1950 musste sie die Schweiz verlassen und zog weiter nach New York, stellte Schmuck her und sparte in Hinblick auf eine Rückkehr nach Europa. Flucht und Heimatverlust spielen in Erica Pedrettis späterem literarischem Werk eine grosse Rolle, so schon im Erstling «Harmloses, bitte» (1970). Gian Pedretti lebte währenddessen im Engadin und war mit dem Wiederaufbau seines Elternhauses und Ateliers beschäftigt, das von einer Lawine komplett zerstört worden war.
Im Briefwechsel wird spürbar, wie schwierig Nähe unter den damaligen Bedingungen war. Die Zustellung von Briefen über diese Distanz dauerte oft Wochen. Antworten überschnitten sich, Fragen blieben offen, Missverständnisse waren jederzeit möglich. «Mich bedrückt die Distanz zusehend, wenn ich nur daran denke, dass es fast 10 Tage gebraucht hat, um einen Gedanken auszutauschen», schreibt Gian im November 1951. Und doch entsteht gerade in dieser langsamen Korrespondenz eine grosse Vertrautheit. Erica antwortet nach dem verspätet eingetroffenen Antrag: «Ich bin glücklich wie noch nie zuvor.» Besonders bemerkenswert ist ihre Klarheit: «Du musst ja geglaubt haben, dass ich sehr lange Zeit brauche, um mich zu entschliessen. Aber wenn ich mir das überhaupt hätte überlegen müssen, so hätte ich nein gesagt.»
Immer wieder stossen beide beim Schreiben zugleich an Grenzen. «Ich möchte gern mit Dir reden, denn schreiben kann ich nicht, es wird alles so ärgerlich banal», schreibt Erica. Und Gian hält fest: «Schreiben lässt sich einfach nicht alles». Gerade darin liegt eine besondere Spannung dieser Briefe: Das Schreiben ist ihre einzige Möglichkeit, Nähe herzustellen, und bleibt doch ungenügend für das, was sie eigentlich ausdrücken möchten. Zur Distanz kommt die Unsicherheit hinzu, ob die Briefe überhaupt ein wirkliches Bild des anderen vermitteln können. Erica fragt sich zum Beispiel, ob Gian «nicht mehr die rechte Vorstellung» von ihr haben und beim Wiedersehen enttäuscht sein könnte.
Im Januar 1952 reist Erica nach Europa zurück. Gian fährt ihr bis Paris entgegen. Wenige Monate später heiratet das Paar im Fextal. Auch die selbst gestalteten Einladungskarten und Fotografien des Festes haben sich im Archiv erhalten. Aus der brieflichen Annäherung wird ein gemeinsames Leben von über siebzig Jahren mit fünf Kindern und einem umfangreichen künstlerischen und literarischen Werk.
Erica Pedretti (1930–2022) und Gian Pedretti (1926–2025) lebten gemeinsam ein Künstlerleben – beide schufen bildende Kunst sowie Literatur. Ihre literarischen Nachlässe sind im Schweizerischen Literaturarchiv zugänglich.
