Mein Schweizer Schatz: «I schänke dir mis Härz»

Ich gehe durch ein Kaufhaus, stöbere unbefangen durch Kleider, Bücher, durch was auch immer mein Herz begehrt. Im Hintergrund wechseln die Lieder aus dem Radio im Drei-Minuten-Takt. Plötzlich höre ich es: ein pikanter Bass, ein schneller Gitarrenriff. Eine Stimme singt über das Alleinsein. Ich drehe mich zu meiner Freundin um, fange breit an zu grinsen und lauthals zu singen, während ich mit dem Finger überdramatisch auf sie zeige: «I schänke dir mis Härz. Meh han i nid.» Hier und da stolpere ich über den Text, an anderen Stellen singe ich problemlos mit. Ich habe schon längst vergessen, wann ich denn überhaupt in meiner Kindheit den Text auswendig gelernt habe. Meine Freundin lacht und sagt: «Du weisst schon, dass es in dem Lied um eine Stripperin geht?»

Signatur: BMG; WELTREKORDS; 74321 23499 2; Züri West (CD10228)
Signatur: BMG; WELTREKORDS; 74321 23499 2; Züri West (CD10228)

Ja, ich weiss, dass es in dem Lied um eine Stripperin geht, und trotzdem wird es nach all den Jahren, die es bereits existiert - um genau zu sein: seit 23 Jahren - immer noch als der ultimative Liebesbeweis verwendet. Mal von den Strophen des Lieds abgesehen, gibt es doch nichts Romantischeres als wie im Refrain zu sagen: Ich lege dir mein Herz zu Füssen, mehr habe ich nicht, aber ich gebe dir alles was ich bin.

Ich erinnere mich noch genau an das erste Mal, als ich das Lied hörte. Ich war etwa acht Jahre alt und während zwei Wochen in einem Sommerlager, das ich heute nur noch «Nie mehr gehe ich in ein Sommerlager» nenne. Mal abgesehen von den langen Wanderungen, den strengen Leitern und meinem grossen Bruder, der mich schikanierte, gab es doch etwas, das mir positiv in Erinnerung geblieben ist. Am Abend sassen wir immer zusammen, über 100 Kinder und Jugendliche, die abgesehen von mir ziemlich sicher lieber was «Cooleres» gemacht hätten, als zusammen zu sitzen und Lieder zu singen, die niemand kennt. Alle nuschelten unmotiviert den Text von «I schänke dir mis Härz», nur der Leiter vorne mit der Gitarre wusste, was er tat. Ein Paar einzelne Singbücher wanderten im Kreis von Person zu Person, doch niemand sang mit. Dann kam der Refrain und plötzlich kannte jede und jeder einzelne den Text. Wer ihn noch nicht kannte, lernte ihn schnell. Ich war jung und sang einfach mit, unschuldig und nichtwissend, um was es denn nun eigentlich im Lied ging. Die Erkenntnis, dass das Lied gar nicht so romantisch war wie ich immer dachte, kam vier Jahre später. Dies hielt mich jedoch nicht davon ab, das Lied weiterhin zu lieben. Und es hält mich auch nicht davon ab, es laut mitzusingen, wo und wann immer ich es zufälligerweise höre. Die Person, die neben mir steht, kriegt, ob sie es will oder nicht, jeweils ein rührendes kleines Ständchen gewidmet.

Im Archiv der Schweizerischen Nationalphonothek, versteckt hinter einer alten Mani Matter CD, liegt mein Schweizer Schatz. Ein unscheinbares Album mit einem einfach illustrierten Cover. In Rot steht ZüriWest gross mitten auf dem Cover geschrieben.

Marteena Battaglia
In Ausbildung

https://www.nb.admin.ch/content/snl/en/home/themes/my-swiss-treasure/mein-schweizer-schatz--zueriwest.html