Mein Schweizer Schatz: «Fontanelle» von Meir Shalev

Meir Shalev, «Fontanelle», Zürich, Diogenes-Verlag, 2006. © Diogenes, Zürich
Meir Shalev, «Fontanelle», Zürich, Diogenes-Verlag, 2006. © Diogenes, Zürich

Im Alter von etwa 21 Jahren verliebte ich mich in «Judiths Liebe». Das war der Beginn einer Liebe, die bis heute anhält - die zur Literatur aus Israel. Nach «Judiths Liebe» von Meir Shalev, gefiel mir auch «Eden» von Yael Hedaya besonders gut, «Eine Frau flieht vor einer Nachricht» von David Grossman, «Löwen wecken» von Ayelet Gundar-Goshen oder einfach alles von Zeruya Shalev. Glücklicherweise erschienen einige Bücher von israelischen Autorinnen und Autoren in Schweizer Verlagen und werden somit in der Nationalbibliothek gesammelt.

All diese Bücher bereiteten mir anregende und beglückende Momente. Einem aber bin ich es schuldig, es meinen «Schweizer Schatz» zu nennen, nämlich «Fontanelle» von Meir Shalev. Ein erwachsener Mann beschreibt darin die Liebe, die er im zarten Alter von fünf Jahren für die Frau des Dorflehrers, welche ihm das Leben gerettet hatte, empfand: «Wenn das keine Liebe war, was war es dann?» (S. 112). Eine wunderbare Aussage! Jedenfalls war auch meine Liebe sehr gross, so gross, dass sie für das Buch zum Gefängnis wurde. Ich bin verantwortlich dafür, dass es die NB niemals wieder verlassen darf. Wie das? Sobald es in die NB kam, lieh ich es als erste aus, gerade zu der Zeit, als Meir Shalev auf Lesetour in Europa war. Er las auch in Bern, wo ich als Zuhörerin im Publikum sass. Ich war so begeistert von «Fontanelle» und von Meir Shalev, dass ich ihn bat, das Exemplar zu unterschreiben. Nachdem ich bei der Rückgabe an der Ausleihe strahlend prahlte, dank mir sei das Buch nun noch wertvoller geworden als zuvor, stellte ich entsetzt fest, dass mein Vis-à-vis die Stirn runzelte, das Buch - wie für signierte Dokumente üblich - einzog, umsignieren und mit «Res» versehen liess. Bücher mit «Res»-Signatur dürfen ausschliesslich im Lesesaal der NB gelesen werden. Ich hatte das geliebte Buch somit für immer in die Dunkelheit verbannt. Bis heute ruht es dort in Frieden, denn wer liest schon Belletristik im Lesesaal der NB? Mit diesem Beitrag gebe ich dem Buch nach zwölf Jahren die Bühne zurück, die ihm gebührt.

Die Unterschrift von Meir Shalev, in: Meir Shalev, «Fontanelle», Zürich, Diogenes-Verlag, 2004. © Diogenes, Zürich
Die Unterschrift von Meir Shalev, in: Meir Shalev, «Fontanelle», Zürich, Diogenes-Verlag, 2004. © Diogenes, Zürich

Leider ist gut gemeint oft das Gegenteil von gut. Oder doch nicht? Habe ich dem Buch gar einen Gefallen getan, indem es nun, vom Autor signiert, die Generationen völlig unversehrt überdauern kann? Ob der Vorfall für das Buch Glück oder Pech war, wer weiss das schon. Jedenfalls war ich erleichtert, als die NB zwei Jahre später auch die Taschenbuchausgabe von «Fontanelle» anschaffte. Nun lagern in deren Magazinen zwei Exemplare der Geschichte. Wer es zu Hause lesen möchte, leiht das Buch von 2006 aus (N 279044), wer die Signatur von Meir Shalev bewundern will, kann das in der Ausgabe von 2004 (N 269485 Res) tun - exklusiv im Lesesaal der Schweizerischen Nationalbibliothek. Schuld daran, und endlich ist es offen gelegt, bin ich. Doch wenn das keine Liebe war, was war es dann?

 

Yasmine Keles
Mitarbeiterin Marketing und Kommunikation 

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