Sprachsprünge mit Bergstock: Annemarie Schwarzenbach über Clementina Gilly

Was heute selbstverständlich ist, wirkte 1938 exotisch: rätoromanische Autorinnen wie die Engadinerin Clementina Gilly

Von Christa Baumberger und Annetta Ganzoni

Im Mai 1938 schreibt Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) ein Porträt der Engadiner Dichterin Clementina Gilly (1858-1942). Wie mag die Begegnung verlaufen sein? Sie sind beide Kulturvermittlerinnen: Weitgereist und weltläufig die Deutschschweizer Autorin und Journalistin, traditionsverbunden die in Italien aufgewachsene rätoromanische Dichterin und Übersetzerin. Die Zürcher Illustrierte nimmt den 80. Geburtstag von Gilly zum Anlass, den deutsch- und französischsprachigen Lesern die unbekannte romanische Autorin vorzustellen. Die medialen Schweinwerfer sind 1938 sowieso schon auf Graubünden gerichtet. Nur drei Monate zuvor, am 20. Februar 1938, hatten die Schweizer Stimmbürger das Rätoromanische zur vierten Landessprache erklärt. Mit einem überragenden Ja-Anteil von rund 92 Prozent. Bundesrat Philipp Etter hatte sich mit Herzblut für die Minderheitssprache eingesetzt und vom Dichter Peider Lansel stammt der Leitsatz: «Weder Italiener noch Deutsche! Rätoromanen wollen wir bleiben!» Die Abstimmung war einer der Höhepunkte der geistigen Landesverteidigung. Und sie bedeutete einen gewaltigen Schub für die lange Zeit wenig geachtete Sprache. Auch Schwarzenbachs Artikel verrät den Blickwinkel der Aussenstehenden. Trotz zahlreicher Aufenthalte in Sils ist ihr die rätoromanische Kultur völlig fremd. So beschränkt sie sich auf eine eher geringschätzige Homestory über die «Giunfra (Jungfer) Clementina»: ein Blick ins Familienalbum, ein paar Sätze zu Gillys Herkunft und sozialer Stellung und eine knappe Würdigung ihrer Verdienste als Übersetzerin und Autorin.

Worin bestehen Gillys Verdienste aus heutiger Sicht? Sie gehört zur ersten Generation rätoromanischer Belletristik-Autorinnen. Anders als etwa Silvia Andrea (1840-1935), die strikt zwischen Sprechsprache (Rätoromanisch) und Literatursprache (Deutsch) trennt, schreibt Gilly Rätoromanisch. 1926 erscheint ihr Gedichtband Fruonzla (Reisig). Neben eigenen Gedichten enthält er, wie bei romanischen Büchern dieser Zeit üblich, auch Übersetzungen. Von 1909 bis 1946 erscheinen zahlreiche Prosa- und Theaterübersetzungen von Gilly, darunter Schillers Wilhelm Tell und Sisto e Sesto von Heinrich Federer sowie Werke von Maria Waser, Jeremias Gotthelf, Theodor Storm und Stefan Zweig. Sie vermittelt deutsche Literatur an ein romanisches Publikum und nuanciert damit das Rätoromanische als Literatursprache. Zudem beteiligt sie sich an der Erarbeitung der Grammatica ladina (1915-1924) und der Wörterbücher von Anton Velleman (1929) und Reto R. Bezzola (1944). Viele ihrer Publikationen zeichnet sie mit dem Pseudonym Clio.

Wie Schwarzenbach in ihrem Artikel anmerkt, bleibt Gillys Wirken dem romanischen Publikum vorbehalten. Denn erst ab 1945 wird die literarische Übersetzung aus dem Rätoromanischen dank Bundesinstitutionen wie Pro Helvetia und dem Schweizerischen Feuilletondienst gefördert. Wie in anderen Kulturen sehnt die in den 1920er Jahren geborene Generation eine Öffnung herbei: So publizieren etwa Andri Peer und Cla Biert ihre Erzählungen ab 1945 im Schweizer Spiegel und im Beobachter, Andri Peer wird zum literarischen Übersetzer und Vermittler aus dem rätoromanischen, italienischen und französischen Kulturraum. Den Mut dazu verdankt er wohl dem Nobelpreisträger von 1948: T.S. Eliot war der Überzeugung, dass auch Kleinkulturen sich zur gegenseitigen Bereicherung am allgemeinen Kulturdiskurs beteiligen müssen.

Im nebenstehenden Pdf können die verschiedenen Dokumente im Detail gelesen werden.

Eine Kabinettausstellung im Schweizerischen Literaturarchiv vom 8.-24.9.2016 ist der Poetik literarischer Mehrsprachigkeit gewidmet.

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