Postmoderne Plakate: von 1970-1980 bis heute

Weingart Wolfgang, Schreibkunst, Kunstgewerbemuseum, Zürich, Museum für Gestaltung, 13. Juni - 30. August 1981, 1981, Offset, 125,5 x 88,5 cm
Plakat im postmodernen Stil von Wolfgang Weingart, 1981
© Wolfgang Weingart

Der Internationale Stil wird in den 1970er und 1980er Jahren nach und nach in Frage gestellt. Viele Kritiker beklagen die kalte, formelle, dogmatische Ästhetik. Die veränderte Lebensauffassung, die sich in den Mairevolten 1968 und in den Protesten gegen den Vietnamkrieg manifestiert, schlägt sich auch in einer Kritik an der Konsumgesellschaft nieder. Der Schweizer Stil, der unmittelbar nach dem Krieg entstanden ist und der generell mit dem Stil der Unternehmen und den öffentlichen Verwaltungen in Verbindung gebracht wird, kommt unter Beschuss. Ab den 1950er Jahren hat die Grafik ihren Platz in zahllosen Lebensbereichen eingenommen. Alle Unternehmen, kulturellen Organisationen, Veranstaltungen, Regionen und Länder beauftragen Grafiker mit der Gestaltung eines eigenen Auftritts. Die Künstler lassen sich regelmässig vom Schweizer Stil inspirieren. Entsprechend richtet sich dann auch der Protest gegen diesen Stil. In der Schweiz wird die Palastrevolution von Wolfgang Weingart (1941) angeführt, der in Basel neben Armin Hofmann lehrt.

Wolfgang Weingart

Siegfried Odermatt, Rosemarie Tissi, Otto Rudolf Salvisberg 1882-1940, ein Architekt zwischen Tradition und Moderne, Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne, 23.10.-14.11.1985, 1984, Offset, 128 x 90 cm
Siegfried Odermatt, Rosemarie Tissi, Otto Rudolf Salvisberg 1882-1940, ein Architekt zwischen Tradition und Moderne, Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne, 23.10.-14.11.1985, 1984, Offset, 128 x 90 cm

Weingart beginnt Ende der 1960er Jahre die Regeln des Internationalen typographischen Stils anzuzweifeln. Seiner Meinung nach stellen die neuen Techniken selber die Art in Frage, wie die Arbeit des Grafikers verstanden wird.
Seit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg hat sich die Komposition der gedruckten Seite nur wenig verändert. Die Schriftzeichen sind immer noch aus Metall und die Texte müssen Buchstabe für Buchstabe von Hand gesetzt werden. Mit dem Aufkommen des Computers wird sich das Verfahren grundlegend ändern. Dank der Lichtsatzmethode können die im Computer gespeicherten Texte zuerst auf Fotopapier gedruckt werden und das Seitenlayout wird erst nachher gemacht. Die eigentliche Innovation dieser Technik ist aber die Verwendung einer Scheibe mit den Negativschriftzeichen, die sich entsprechend dem erfassten Text unter dem Stroboskop, das das lichtempfindliche Papier belichtet, durch Rotation positionieren lassen.
Diese technische Revolution bringt mehr Freiheit, schnellere Abläufe und eine Senkung der Kosten. Weingart versteht die Tragweite dieser Entwicklung sehr rasch. Er gestaltet Plakate, die scheinbar komplex und chaotisch sind, in Wirklichkeit aber von viel Spontaneität und Humor zeugen. Seine Arbeit ist geprägt von einem persönlichen, sehr dynamischen, seiner  Ausbildung diametral entgegengesetzten Stil.

Die Anhänger einer revidierten Tradition

Andere Gestalter sind noch vom Internationalen Stil beeinflusst und passen ihn den neuen Verfahren an, anstatt sich ganz von ihm abzuwenden. Diese Richtung haben die Zürcher Grafiker Siegfried Odermatt (1926) und Rosemarie Tissi (1937) eingeschlagen. Sie sind weniger revolutionär als Weingart, richten sich eher nach den Regeln und schaffen leichter interpretierbare Plakate. Sie entwickeln typografische und räumliche Lösungen, die weniger streng sind als diejenigen ihrer Vorgänger und bereichern das Vokabular des Internationalen Stils, indem sie beweglichere und schelmischere Kompositionen schaffen. Sie gelten als Vorreiter der als Postmodernismus bekannten Strömung, die wie oft in der Stilgeschichte sehr unterschiedliche Realitäten unter sich vereinigt. Viele Gestalter arbeiten heute in der Tradition dieser Richtung, wie beispielsweise Ralph Schraivogel (1970), um nur einen zu nennen. Die Grafik und mit ihr das Plakat sind entwickeln sich ständig weiter. Um seine Informations- und Werbefunktion zu erfüllen, muss das Plakat den ästhetischen Geschmack der Zeitgenossen treffen oder besser noch vorausnehmen. So enthält das Plakat von heute als Prämisse bereits den Geschmack von morgen!

Dieser kurze Abriss der Geschichte des Schweizer Plakats soll die grossen Momente, die Entwicklungen und die prägenden Repräsentanten dieses Kommunikationsmediums skizzieren. Wir stellen dabei fest, dass unsere Landsleute weltweit einen grossen Beitrag zur Entwicklung der Grafik geleistet haben und dass ihre Werke eine grosse Ausstrahlung geniesse. Nicht alle Werke befinden sich in der Schweizerischen Nationalbibliothek, doch die Plakatsammlung unserer Institution mit rund 45'000 Exemplaren ist doch sehr umfassend. Sie illustriert deutlicher als alle anderen Sammlungen die Entwicklung des Schweizer Plakats der vergangenen 150 Jahre. Solange es Plakate gibt, wird auch diese Sammlung wachsen.

Letzte Änderung 15.10.2009

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