Die Zürcher Konkreten

Ballmer Theo, 5000 Jahre Schrift, Gewerbemuseum Basel, 14. Juni bis 19. Juli 1936, 1936, Farblithographie, 126,5 x 90,5 cm
Ballmer Theo, 5000 Jahre Schrift, Gewerbemuseum Basel, 14. Juni bis 19. Juli 1936, 1936, Farblithographie, 126,5 x 90,5 cm

In der Geschichte der Grafik spielt die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg eine prägende Rolle. Die neue Disziplin erwächst aus den Entwicklungen der industriellen Revolution sowie aus bestimmten Denkrichtungen einer Ästhetik des Alltagsgegenstands. Dazu kommt mit dem ausklingenden 19. Jahrhundert der Wunsch nach der Aufhebung der traditionellen Schranken zwischen Kunst und Kunsthandwerk. Im 20. Jahrhundert entstehen mit dem Aufkommen der Konsumgesellschaft, der neuen Medien, des Marketings und der Werbung, aber auch neuer verwandter Disziplinen wie des Designs und der Architektur neue, die Kommunikationsmittel fördernde Berufstypen. Der Grafiker ist nun dafür zuständig, eine Botschaft visuell und informativ in Form zu fassen und deutlich zu machen.

Bill Max, Konkrete Kunst, Kunsthalle Basel, 18. März bis 16. April 1944, 1944, Farblithographie, 128 x 90,5 cm
Bill Max, Konkrete Kunst, Kunsthalle Basel, 18. März bis 16. April 1944, 1944, Farblithographie, 128 x 90,5 cm

Die Schweizer Grafik und das Schweizer Design verdanken den Kunsttheorien des beginnenden 20. Jahrhunderts viele Impulse. Auch die Idee des amerikanischen Architekten Louis Sullivan, dass sich die Form von der Funktion ableitet, prägt das Schaffen. Zwei Denkrichtungen sind in diesem Kontext herausragend und setzen sich besonders durch: Die eine stammt aus der Zürcher, die andere aus der Basler Schule. Die eine vertritt die Theorien der Konkreten Kunst, einer Bewegung, die sich aus vielen verschiedenen Kunstrichtungen zusammensetzt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Loslösung vom Figurativen und der Hinwendung zur Darstellung reiner Formen und Farben wie sie die Holländische Bewegung De Stijl vertritt. Zu diesem Einfluss kommen die Bauhaustheorien zur Ästhetik des Alltagsobjekts und zur Typografie. Die andere stützt sich auf die Theorien der Neuen Objektivität.

Art concret et Ecole de Zurich

Der Begriff der Zürcher Schule ist völlig an die Theorie der Konkreten Kunst gebunden. Er stammt von Theo van Doesburg (1883-1931), dem Mitbegründer der Zeitschrift De Stijl, die den Ursprung der gleichnamigen Kunstbewegung begründet. So sind die Plakate der Zürcher Konkreten bestimmt durch Linie, Farbe und Fläche. Als Bezugsgrössen dienen die geometrischen Grundformen Quadrat, Kreis, Dreieck und Viereck. Die Räume müssen klar «lesbar» sein, und nur die absolut notwendigen Informationen werden genannt und asymmetrisch angeordnet. In der Schweiz gilt Ernst Keller (1891-1968) als einer der Hauptvertreter dieses Stils. Er nimmt 1918 seine Lehrtätigkeit an der Zürcher Schule für Gestaltung auf und gründet die erste Grafikerklasse der Schweiz. Nach seiner Vorstellung muss ein Plakat verständlich sein, um eine Wirkung zu erzielen. Die Wahl des Bildes, des Textes, aber auch des Stils, der Farben und der Formen der Komposition spielen hierbei eine grundlegende Rolle. Alle diese Elemente zusammen müssen eine sofort und mühelos verständliche Botschaft vermitteln. Am Beispiel des Kaffees zeigt Keller, dass ein Kaffeeplakat „…allein schon durch die Farben oder Farbkombinationen, durch suggestive Formcharaktere der Bild- und Textelemente das Klima von Kaffee erzeugen…“ muss. „Assoziativ müsse der Betrachter in einem solchen Plakat den Kaffee schmecken“.
Keller ist wegweisend für eine ganze Künstlergeneration, darunter Max Bill (1908-1994), der nach dem Zweiten Weltkrieg den Internationalen typografischen Stil, auch Schweizer Stil genannt, begründet.

Die Typografie

Ein gutes Plakat verbindet Bild- und Textelemente in harmonischer Weise, so dass sie sich gegenseitig ergänzen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gestalten zahlreiche Künstler das Plakat vorerst ohne Text und fügen diesen erst kurz vor dem Druck ein. In den 1920er – 1930er Jahren wird die Typografie unter dem Einfluss der Bauhaustheorien dann aber als vollwertiges Gestaltungselement ins Plakat integriert.
Einer der grossen Namen der modernen Typografie und Grafik ist Jan Tschichold (1902-1974). Der deutsche Emigrant findet 1933 nach der Machtergreifung der Nazis in der Schweiz Zuflucht. Er verfasst seine Theorien 1928 in einer Publikation, die auch heute noch Referenzcharakter hat: Die neue Typographie. In diesem Werk plädiert er für die Betonung der Typografie, für eine asymmetrische Komposition, die er der traditionellen Anordnung der Buchstaben auf der Mittelachse vorzieht, sowie für die Verwendung von grafischen Balken, um möglichst einfache und klare Lösungen zu finden. Tschichold distanziert sich allerdings ab 1932 von diesen Theorien, denen er selbst zu Ruhm verholfen hat, und setzt sich wieder für eine symmetrische Komposition ein, weil er die Regeln der modernen Grafik als zu streng empfindet. Diese Verurteilung muss im Kontext der Zusammenarbeit ehemaliger Bauhausmitglieder mit dem Hitlerregime gesehen werden. Max Bill (1908-1994), der die Konkrete Kunst kompromisslos verteidigt, wird ihm diese Abkehr allerdings zum Vorwurf machen. Während die Zürcher Schule der Typografie ihren noblen Stempel aufdrückt, indem sie dieser die gleiche Bedeutung wie dem Bild beimisst, und mit Kompositionen, die zur Abstraktion tendieren, macht die Basler Schule dasselbe in einem sehr realistischen Stil.

Letzte Änderung 15.10.2009

Zum Seitenanfang

https://www.nb.admin.ch/content/snl/de/home/themen/kunst-und-architektur/geschichte-des-schweizer-plakats/die-zuercher-konkreten.html