Geschichte des Schweizer Plakats

Anonyme, Allgemeines Ehr- und Freischiessen..., die Schützen Gesellschaft von Murten, den 11, 12, 13, 14, 15, 16 u. 17ten Brachmonat 1843... [etc.], 1843, Typographie, 88,5 x 64 cm

Das Schweizer Plakat geniesst einen ausgezeichneten Ruf. Die Schweizer Plakatgrafik gilt als international anerkannte Referenz, die Schule gemacht hat. Auf dem Gebiet des Tourismusplakats zu Beginn des 20. Jahrhunderts, des Sachplakats, der Konkrete Kunst und des Internationalen Stils war die Schweiz für die Geschichte des Plakats weltweit von prägender Bedeutung.

Anonyme, Schweizerische Kunstausstellung im neuen Kunstgebäude, vom 8. September bis 3. Oktober 1852, 1852, Typographie, 72,5 x 53,5 cm
Anonyme, Schweizerische Kunstausstellung im neuen Kunstgebäude, vom 8. September bis 3. Oktober 1852, 1852, Typographie, 72,5 x 53,5 cm

Das Plakat als einfacher, an öffentlichen Orten verbreiteter Informationsträger ist schon sehr früh in der Geschichte nachweisbar. Doch das Plakat als gedrucktes, für jedermann gut sichtbar aufgehängtes Blatt tritt erst mit der Erfindung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert in Erscheinung. Das Plakat im modernen Sinn kommt ab Ende des 19. Jahrhunderts auf.
Es zeichnet sich aus durch einfache, farbige, auf grossformatigem Papier gedruckte Motive und ist das Resultat einer Entdeckung, der Lithografie, und eines historischen Umbruchs, der industriellen Revolution.

Anonyme, Sternengasse 18, Bühler Biergarten, Münchner Bier, Sonntag, den 8. Juni 1890, zwei grosse Concerte der vereinigten Thuner & Andermatter Curorchester (26 Mann), Solisten... , Typographie & Farblithographie; 1890, 124 x 93 cm
Anonyme, Sternengasse 18, Bühler Biergarten, Münchner Bier, Sonntag, den 8. Juni 1890, zwei grosse Concerte der vereinigten Thuner & Andermatter Curorchester (26 Mann), Solisten... , Typographie & Farblithographie; 1890, 124 x 93 cm

Während Jahrhunderten ist das Plakat das einzige Medium, über welches die ganze Bevölkerung erreicht und informiert werden kann. Daraus erklärt sich, dass es von den Regierungen während langer Zeit als Instrument der Macht eingesetzt wird und im Wesentlichen als Informationsträger dient. Doch im Lauf des 19. Jahrhunderts führt eine nie da gewesene wirtschaftliche und städtische Entwicklung zu einer regelrechten Massenproduktion. Es entstehen zahllose Handels-, Industrie- Theater- und Zirkusunternehmen, die Plakate brauchen, um auf sich aufmerksam zu machen, ihre Waren zu anzubieten oder Zuschauer anzulocken. An den Mauern der Städte hängen oft so viele Plakate, dass sie sich gegenseitig überdecken. In dieser Konkurrenzsituation müssen sich die Plakatgestalter durch neue Typografien und eine grössere Kreativität der Seitengestaltung abzuheben versuchen. Den besten Werbeeffekt erzielen jedoch schliesslich die neu aufkommenden Illustrationen auf den Plakaten.

Jeanmaire Edouard, Panorama de Lucerne, Darstellung des Grenzübertritts der Französischen Armee bei Verrières-Schweiz, 1891, Farblithographie, 95,5 x 74,5 cm
Jeanmaire Edouard, Panorama de Lucerne, Darstellung des Grenzübertritts der Französischen Armee bei Verrières-Schweiz, 1891, Farblithographie, 95,5 x 74,5 cm

Die ersten Darstellungen orientieren sich noch sehr stark am populären Bildrepertoire und an den Buchillustrationen. Die detailreichen Bilder müssen aus der Nähe betrachtet werden, der Text beherrscht die Seite. Die Auftraggeber begreifen aber sehr bald, dass die Passanten von einem Motiv mehr gefesselt werden. Sie bleiben stehen, um es zu betrachten und nehmen gleichzeitig den sprachlichen Inhalt zur Kenntnis. Das Plakat wandelt sich damit langsam von einem schriftlichen zu einem visuellen Medium. Diese Entwicklung wird mit dem Einsatz der Farblithografie noch beschleunigt.

Die Lithografie

Hodler Ferdinand, Ferdinand Hodler, Kunsthaus Zürich, 14. Juni bis 5. August 1917, 1917, Farblithographie, 132 x 92 cm
Hodler Ferdinand, Ferdinand Hodler, Kunsthaus Zürich, 14. Juni bis 5. August 1917, 1917, Farblithographie, 132 x 92 cm

Das Verfahren wird von Alois Senefelder 1798 in Bayern entwickelt und basiert auf der Abstossung zwischen Wasser und fetthaltigen Substanzen. Dank dieses Verfahrens kann mit einem Bleistift oder einer Fettfarbe direkt auf Kalkstein gezeichnet werden. Dieser wird anschliessend mit einem säurehaltigen Wasser abgewaschen, während die Tinte des Rollers, mit dem man darüber fährt, zurückbleibt. Anschliessend wird ein Papier darauf gelegt und das gezeichnete Motiv abgedruckt. Das Verfahren kann laufend wiederholt werden, was die Beziehung zwischen Künstler und Druckverfahren vollkommen verändert. Von nun an muss ein Werk nicht mehr von einem spezialisierten Drucker auf eine Holz- oder Metallplatte reproduziert werden. Dank des Steindrucks kann die Plakatzeichnung mit der Leichtigkeit und Genauigkeit einer Papierzeichnung übertragen werden und gleichzeitig allen Bedingungen der Kosten, der Handlichkeit und der Oberfläche gerecht werden. Aus allen diesen Gründen entwickelt sich das neue Verfahren des Flachdrucks sehr rasch und verbreitet sich in ganz Europa.

Anfangs wollen die Künstler mit dem Plakat nichts zu tun haben, da es zu sehr im Zusammenhang mit der kommerziellen Werbung gesehen wird. Es ist völlig den Vorgaben der Auftraggeber unterworfen und lässt den Künstlern kaum Spielraum. Wenn ein Künstler Plakate entwirft, signiert er sie normalerweise nicht. Die Künstler, die von ihren Werken leben können, interessieren sich nur von weitem für das Verfahren, das sie als wenig prestigeträchtig betrachten. Meist begnügen sie sich damit, wie beispielsweise Ferdinand Hodler, die Plakate für ihre eigenen Ausstellungen zu gestalten.

Es dauert bis in die 1880er Jahre, bis den Künstlern die Entwicklungsmöglichkeiten dieses neuen Mediums und die visuelle Wirkung auf die Leute auf der Strasse bewusst werden. Die Bewegung beginnt in Paris mit den Plakaten von Künstlern wie Toulouse-Lautrec und Jules Chéret, bevor sie sich in ganz Europa, aber noch nicht in der Schweiz, verbreitet! Die Schweizer Künstler machen gewöhnlich im Ausland Karriere wie beispielsweise Téophile Alexandre Steinlen oder Eugène Grasset, zwei grosse Namen des Jugendstils in Paris. Nach und nach löst sich das Plakat vom informativen, beschriebenen, typografischen Blatt, das es seit Jahrhunderten war, und entwickelt sich hin zu einem eigenständigen Stil. Die neue Ästhetik inspiriert sich sowohl am Jugendstil mit seinen Pflanzenmotiven und den geschwungenen Linien als auch an den japanischen Holzschnitten, die damals sehr in Mode sind. Sie zeichnet sich aus durch eine Flächigkeit der Darstellung auf Kosten der Tiefenwirkung, durch lebhafte und bunte Farben und durch einfache Formen mit schwarzen Umrissen. Die Plakate müssen nicht mehr aus der Nähe, sondern aus der Ferne betrachtet werden und fesseln die Aufmerksamkeit, ohne dass man stehen bleiben muss. Das moderne Plakat ist geboren!

Letzte Änderung 18.11.2010

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