2008. Judith Schueler: Die Bedeutung der Bahn

Judith Schueler, Materialising identity: The co-construction of the Gotthard Railway and Swiss national identity, Amsterdam, Aksant, 2008. Titelseite.
Judith Schueler, Materialising identity: The co-construction of the Gotthard Railway and Swiss national identity, 2008. Titelseite.

Der Gotthard ist ein Berg, ein Pass, ein Tunnel - und eine Bahn. Als 1882 die Gotthardbahn mit ihrem fünfzehn Kilometer langen Tunnel eröffnet wird, ist die internationale Begeisterung über das technische Wunderwerk gross. In der Schweiz fallen die Reaktionen indes gemischt aus: Einerseits ist man stolz auf die Wunderbahn, die zur europäischen Zivilisation beitrage, andererseits aber befürchtet man einen Verlust an Identität, weil nun die Welt ungehemmt ins Innerste der Schweiz ströme. Legendär sind die schwarzen Fahnen, die Urner Transporteure anlässlich der Eröffnung der Bahn an den Fenstern aushängen. Sie fürchten um ihr Gewerbe und ihre Existenz.

In der Mitte des 20. Jahrhunderts indes ist das verbreitete Bild der Gotthardbahn nur noch positiv - und es ist vor allem nationalisiert, wie die holländische Historikerin Judith Schueler in ihrem 2008 erschienenen Buch The co-construction of the Gotthard Railway and Swiss national identity nachweist. Die umstrittenen und die internationalen Aspekte der Gotthardbahn - die vor allem aus Südeuropa kommenden Arbeiter, der Staatsvertrag, den die Schweiz mit Italien und Deutschland abschloss, die internationale Finanzierung - sind in der öffentlichen Wahrnehmung zurückgedrängt worden: Die Gotthardbahn gilt nun als durch und durch schweizerisch.

Wie Judith Schueler zeigt, werden das Wesen der Schweiz und die schweizerische Identität mit der Erzählung von der technischen Meisterleistung verschmolzen. Die Bahn schiebt quasi den Berg in den Vordergrund. Sie wird in den Gotthard-Mythos integriert und trägt so zu dessen Popularisierung bei. Das lässt sich ganz praktisch zeigen: Aloys Schulte, der deutsche Begründer des Gotthard-Mythos, der für sein grosses Buch mehrmals die oberitalienischen Archive aufsuchte, war ein begeisterter Gotthardbahn-Fahrer. Mit ihrer Studie relativiert Schueler den Gotthard-Mythos weiter.

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