1948. Gonzague de Reynold: Die metaphysische Überhöhung

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Der Freiburger Patrizier und Rechtskonservative Gonzague de Reynold hat sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wiederholt mit dem Gotthard beschäftigt. Wie der Text Le Saint-Gothard et le Val d'Urseren andeutet, der in dem 1948 erschienenen Buch «Cités et pays Suisses» abgedruckt ist, hat der Geschichtsschreiber die Landschaft des Gotthards sogar zu Fuss erkundet. Er stösst dabei auf eine Natur, die er in ihrer Wirkung auf die Menschen metaphysisch überhöht. Die Menschen, die den Gotthard bewohnen, sind irgendwie auch Gotthard.
Der Gotthard, schreibt de Reynold, sei zwar nicht der höchste Berg der Schweiz, habe aber eine grosse geographische, politische, militärische und wirtschaftliche Bedeutung. Schon im 13. Jahrhundert habe der Pass Rom, Florenz und Mailand mit Basel, dem Rhein und den Niederlanden verbunden - de Reynold hat seinen Aloys Schulte gelesen. Auf dem Gotthard, so de Reynold, spüre man die nationale Energie: «A rencontrer sur la route un officier qui revient d'une reconnaissance, sans sabre, la piolet à la main, la lorgnette à la ceinture, la corde enroulée autour des reins, on évoque un camp retranché dans le Caucase ou l'Himalaya, ou plutôt l'oppidum d'une légion romaine.»

Im Gotthard sieht Gonzague de Reynold nichts weniger als den Ursprung Europas und die christlichen und kulturellen Werte des Heiligen Römischen Reichs aufbewahrt. Er träumt von der Wiederkunft dieses alteuropäischen Reichs. Die Eidgenossenschaft habe die Aufgabe, dessen Schatz zu hüten. De Reynold ist mit dem katholischen Zuger Bundesrat Philipp Etter befreundet, dem Architekten der Geistigen Landesverteidigung. Die Ansichten des Freiburgers fliessen in die magistratischen Überlegungen ein, wie die Schweiz den Zweiten Weltkrieg überstehen soll. Etter wie de Reynold favorisieren eine altständische, korporatistische, christlich-autoritäre Gemeinschaft. Dieses Ziel verfolgt auch der im Zug der Geistigen Landesverteidigung entstandene «Gotthardbund». Mitglied ist unter anderen Gonzague de Reynold.

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