27. September 1992. Tunnel in die Zukunft – Dick Marty

Ein Tunnel, die Schweiz zu einen: Am 27. September 1992 beschliesst das Stimmvolk, die Neue Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT). Das Jahrhundertprojekt führt durch den Berg und in die Zukunft der Schweiz.

Wer kennt sie noch, die Kirche von Wassen? Mit der NEAT verschwindet dieses Wahrzeichen schweizerischer Mobilität in der Vergangenheit. Der neue Gotthardbasistunnel, der längste Eisenbahntunnel der Welt, verbindet Süden und Norden schneller und tiefer im Berg. Zusammen mit dem Lötschbergbasistunnel, dem Ceneritunnel und weiteren Zubringerstrecken sprengt die NEAT die gewöhnlichen Dimensionen.

Die NEAT ist eine Vision der Superlative. Die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger gaben ihr am 27. September 1992 grünes Licht. Knapp zwei Monate bevor die Bevölkerung mit ihrem Nein zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) einen europapolitischen Sonderweg einschlägt, festigt die NEAT den Platz der Schweiz im Herzen Europas. Das Transitprojekt rückt den Kontinent zusammen, bringt Tessin und Wallis näher an die übrige Schweiz und verbindet die Regionen, Sprachen und Generationen des Landes. Die Tunnel sind ein technisches Meisterwerk, eine finanzielle par force Leistung – und ein Raum schweizerischer Identität.

Dick Marty zum Ja zur NEAT

NB: Herr Marty, haben die Schweizer eine Vorliebe für unterirdische Bauten?
Dick Marty: Es stimmt, dass wir über eine grosse Tunnelbaukultur verfügen.

Wie kam eine Mehrheit für das Grossprojekt NEAT zustande?
Es war ein langer und kein einfacher Kampf. Um diesen zu gewinnen war zwar Solidarität nötig, aber auch Machtpolitik. In der Kampagne war es grundlegend, Allianzen zu schmieden. Für den Gotthard ging das gut, zumal mit dem Lötschberg ein zweiter Basistunnel beschlossen wurde. Damit fand man eine typisch schweizerische Lösung.

Lohnte sich der Bau der NEAT mehr für die Schweiz oder für Europa?
Die NEAT war zweifelsohne eine wichtige Investition in die Zukunft des Landes, auch aus ökonomischer Sicht. Natürlich profitiert von den Alpentransversalen auch der Rest Europas. Aber ich glaube, was im Interesse Europas ist, ist auch in unserem Interesse. Ich denke, dass unser Schicksal mit Sicherheit mit dem Schicksal Europas verbunden ist.

In welchem Verhältnis steht das Ja zur NEAT zum Nein zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) nur wenig später?
Bei der NEAT stand die nationale Dimension stärker im Vordergrund, die Dimension der Bauens, des Arbeitens, des Unternehmerischen. Umgekehrt war die geopolitische Dimension weniger wichtig. Vice versa dreht sich die EWR-Abstimmung vom 6. Dezember 1992 um eine Bedrohung: Europa repräsentierte eine Gefahr, auch wenn es ein Glücksfall und ein Möglichkeitsraum hätte sein können.

Wenn Sie diese Zeitungsberichte aus unserem Archiv betrachten, die im September 1992 erschienen, an was erinnern diese Sie?
Schon der optische Eindruck fällt auf, die Grafik hat sich verändert. Das sieht schon wie eine alte Zeitung aus! Hier gibt es einen Titel „Pass mit der Geschichte“ – und wirklich, der Gotthard ist ein Mythos. Für mich ist der Gotthard für die Schweiz viel wichtiger als das Rütli. Rund um den Gotthard entspringen vier Flüsse, die in die verschiedenen Himmelsrichtungen fliessen. Das hat eine Symbolik und repräsentiert das Zusammenkommen der vier Kulturen der Schweiz. Ohne diese Anbindung wäre das Tessin heute schliesslich kein Teil der Schweiz.

Was fällt Ihnen auf, wenn Sie heute durch den Gotthardbasistunnel fahren?
Plötzlich ist man in Arth-Goldau! Während der Zug vorher auch in südliche Richtung fahren musste, um nach Norden zu kommen. Um Höhe zu gewinnen, musste er sich immer wieder wenden, deshalb hat man die Kirche von Wassen so oft gesehen. 

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