Die NZZ würdigt die Genfer Konvention

Wochenschau
(...) Der in Genf zur Milderung des Krieges vereinbarte
internationale Vertrag, eine der humansten Bestrebungen
des Jahrhunderts und welche der Schweiz nicht wenig zur
Ehre gereicht, ist von Oberstlieutenant Le Comte aus der
Waadt als eine Gefahr für unser Vaterland dargestellt
worden. Wenn die Schweizer einen Krieg führen, sagt die-
ser Oberoffizier, so hängt unsere Existenz daran; jede dem
Feinde gemachte Konzession kann zu unserem Verderben aus-
schlagen; unter dem Namen eines internationalen Sanitäts-
personals können Spione ins Land kommen, die in der be-
sten Stellung sind, unsere Pläne beim Feinde zu verrathen.
General Dufour hat sich gegen diese Bedenklichkeiten in ent-
schiedener Weise ausgesprochen und die Ratifikation des
Vertrags ist trotz dem Antrag der Waadtländer auf Ver-
schiebung, mit grossem Mehr vor sich gegangen.

Schweiz
Bundesversammlung
Ständerath. Schlußsitzung vom 30. Sept. 1864.
Internationaler Vertrag von Genf. (Schluß.)
Der Referent, Hr. General Dufour, eingeladen,
seinen Bericht zu erstatten, skizziert den bekannten Verlauf
der Verhandlungen in kurzen Zügen, aber der edle greise
Eidgenosse ist sichtlich erregt durch dir traurige Oppo-
sition, die ihm hier noch am Schlusse dieses schönesn
Werkes entgegentritt.
Hr. Roguin verläßt seinen Präsidialstuhl und schließt
sich in gereizter, abstoßender Weise der Opposition an.
Die Manifestationen gegen den vertrag begreife ich, sagte
er. Derselbe ist ein kaltes, unbelebtes Werk, welches auch
nie Leben erhalten wird. Gefahr glaube ich nicht, daß
er bietet, allein er ist vollkommen unnütz. Er enthält
einen philanthropischen Zweck, aber er ist durchaus un-
ausführbar.
Hr. Oberst Denzler will zur Ratifikation stimmen,
allein er findet auch, der Vertrag sei unnnütz. Die Idee
einer europäischen Ambulance sei unausführbar. Die
Schweiz hat ohnedem nur ihr Gebiet zu vertheidigen
und da sind soche Stipulationen nicht nöthig. Es werde
durch den Vertrag zu viel reglementirt und ein general
in seinen Dispositionen behindert.
Hr. General Dufour. Die Möglichkeit der Aus-
führung ist Sache der Meinung eines Jeden; aber wenn
auch nur die Hälfte, ein Viertel des Angestrebten erreicht
wird, so ist’s schon viel. Man gibt also zu, dass keine
Gefahr dabei ist. Ist es dann an uns, an der Schweiz,
den Vertrag zurückzuweisen. Erreicht man nicht Alles,
so erreicht man doch etwas. Der Weg der Menschlichkiet
ist damit vorgezeichnet. Die Manifestation der beitreten-
den Staaten wird ihren Eindruck auf die Armeen nicht
verfehlen. Es gab eine zeit, in der ma die verwundeten
niedermetzelte. Die öffentliche Meinung und das Völker-
recht haben diesen verdammt, wir wollen heute noch einen
Schritt weiter gehen. Im Jahre 1859 hat man in Italien
bereits die Verwundeten ohne Konditionen zurückgeschickte.
Ist es an der friedlichen Schweiz, den Hemmschuh unter-
zulegen, nachdem sie sich zuerst vorangestellt?
Hr. BR. Dubs. Hr. Briatte hat gesagt, es sei
Gefahr im Vertrage. Hr. Roguin dagegen hält ihn für
formlos und unnütz. Die Herren Waadtländer bewegen
sich in Extremen. Ein General (zu Hrn. Oberst Denzler
gewendet) kann sich auch nicht über Alles wegsetzen; auch
er steht unter Gesetz und muss Rücksichten nehmen. Wenn
auch nicht alles erreichbar ist, so enthält der Vertrag
doch viel reell Ausführbares, das ganz leicht zu erhalten
ist zu Gunsten der Verwundeten und das ist ja die
Hauptsache. Die Schweiz kann trotz ihrer Neutralität,
wenn sie bedroht wird, in den Fall kommen, über
ihre Grenze hinauszugehen.
Die Ratifikation wird mit allen gegen 2 Stimmen
(Roguin und Briatte) ausgesprochen.
Hiermit wurde die Session geschloßen.

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