Indica-Sammlung Wyss

1989 erhielt die Schweizerische Nationalbibliothek eine weitere Indica-Sammlung, den Nachlass des Zürcher Philologen und Bibliothekars Johann Bernhard Rudolf Wyss (1909-1988). Wyss reiste in den Jahren 1960 -1988 regelmässig nach Indien, um dort die Wintermonate zu verbringen. Mit Vorliebe bereiste er Indien von der Ost- an die Westküste oder von Shrinagar im Norden bis nach Kanyakumari im Süden. Sein Weg führte meist über Bombay, Madras, Madurai, Trivandrum, Bangalore, Goa, Pune, Varanasi, Khajuraho, Delhi und Calcutta. Auch die Wüstenstädte in Rajasthan und die historischen Kultstädte Puri und Bhuvaneshvar in Orissa zogen ihn immer wieder an. Nur je einmal besuchte er Srinagar, Kulu, Dharamsala, Dalhousie, Chandigarh und Darjeeling im Gebiete des Himalaya.

Wyss schildert seine Indienerlebnisse in 50 handgeschriebenen Tagebüchern: sie bilden das Herzstück seiner Sammlung. Ausführlich beschreibt er darin Erlebtes und Gesehenes, registriert Abläufe, schildert Begegnungen, und er tut dies mit grosser Sorgfalt und Liebe zum Detail: das Geschriebene ersetzt ihm bewusst und gewollt die heute so üblich gewordene Photographie. Dabei sind seine Beobachtungen nicht wertend, seine Begegnungen sind keine Auseinandersetzungen: die Welt, in der er sich bewegt, ist ihm vertraut und selbstverständlich, sie bedarf keiner Erklärungen. Der Erzähler bleibt aber nur scheinbar unbeteiligt, denn unzählige, in die Hefte eingeklebte Zeitungsausschnitte, Hotelrechnungen, Verpackungen - etwa von Streichholzschachteln -, ein getrocknetes Blatt eines Strauches lassen eine liebevolle und fast sentimentale Zuwendung zur erfahrenen Wirklichkeit vermuten.

Zu einer offenen Liebeserklärung an Indien bekennt sich Wyss in seinem lyrischen Werk. So lautet das Motto zu seiner 1974 im Speer-Verlag Zürich erschienenen Anthologie "Indische Reisegespräche": "Indien gleicht einer schönen Frau zwischen Abendrot und Morgentau", und anschaulich, wie in seinen Tagebüchern, zeichnet er im Zyklus "Indische Tempelträume" das Bild einer Tempelglocke:

"Viel blosse Füsse steigen Tag für Tag
über die Tempelstufen.
Viel Hände mühn sich, um durch Glockenschlag
die Göttin an den Opfertisch zu rufen.
Doch wer zu kurz, zu schwach, zu alt, zu jung,
wird nicht für dessen inniges Verlangen
zu hoch das luftige Geläute hangen?
Dem Alter hilft sein Stock, der Jugend luftiger Sprung. "

Sein Interesse an Indien galt aber nicht nur dem Erlebten und Gesehenen, auch das geistige und religiöse Leben Indiens, niedergelegt im altindischen Schrifttum, übte große Anziehungskraft und Einfluss auf Wyss aus und führte auch hier zu eigener kreativer Arbeit. In seinen Dialogen Vier Lebensalter, Airavata und Yama und Yami setzte er sich künstlerisch mit Themen der indischen Philosophie und Religion auseinander. Das bibliophile Werk Airavata. A Dialogue on India and Indian Philosophy erschien zweisprachig, auf Deutsch und Englisch, und wurde von einem seiner Freunde, dem bedeutenden indischen Künstler K. V. Haridasan, illustriert. Die bemerkenswerte Freundschaft ist durch einige, teils gezeichnet teils geschriebene, sehr schön gestaltete Briefe des tantrischen Künstlers an Wyss dokumentiert: sie vermitteln das interessantes Porträt eines begabten indischen Künstlers, der sich unentwegt mit der alten überlieferten spirituellen Tradition Indiens auseinandersetzt und sie auch zu leben sucht.

Die Indica-Sammlung Wyss umfasst ca. 500 Einheiten mit den Schwerpunkten philosophisch-religiöse Literatur, klassische Dichtung in Sanskrit (kavya), bildende Kunst und Tempelarchitektur sowie Reisebücher. Die Erschliessung der Sammlung Wyss ist für die nächsten Jahre vorgesehen.
 

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Öffnungszeiten

Einsicht in die Bestände nach Vereinbarung; eine Voranmeldung ist unerlässlich.

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Einführungen in die Bestände der Graphischen Sammlungen für Schulen oder Gruppen nach Vereinbarung.

Letzte Änderung 18.02.2011

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