Schalten und walten im Briefverkehr

Unsichtbares Requisit im Hintergrund. Hermann Hesses Adresskartei, das Herzstück in seiner Korrespondenz.

Von Lukas Dettwiler

Hermann Hesses «Adresskartei»
Hermann Hesses umfangreiche Adresskartei, die prominent auf dem Pult seines Schreibzimmers in Montagnola stand.
© NB, Fabian Scherler

Hermann Hesse hat zeitlebens fast täglich einen oder mehrere Briefe verfasst, sein eigener Briefkasten war meist «voll»; im Gegensatz zu heute war seinerzeit Korrespondenz eine physisch fassbare Sache, so dass heute Hunderte von Schachteln allein zur Archivierung seiner Briefschaften vonnöten sind. In den Hesse-Beständen im Schweizerischen Literaturarchiv sind schätzungsweise um die 25'000 Briefe an den Autor verzeichnet; von ihm sind es bedeutend weniger, denn die meisten sind über die ganze Welt verstreut.

Nebst diesen Briefen findet sich im Hesse-Archiv der Nationalbibliothek die höchst imposante Adresskartei des Schriftstellers, das Instrument, womit er seine Korrespondenz während gut 60 Jahren organisiert und dirigiert hat. Diese Schaltzentrale aus zwei Karteikästen, mit gut 6'000 satt aneinander gereihten «Karteikärtchen» stand prominent auf dem Pult im Schreibzimmer des Autors in Montagnola, stets griffbereit, um abgefragt werden zu können. Entsprechend abgegriffen sind die Kärtchen von der häufigen Konsultation.

In alphabetischer Reihenfolge sind darauf Hesses Korrespondenzpartner registriert. Eigenhändig hat der Dichter, der in seinem ersten, «praktischen» Beruf Sortimentsbuchhändler war, Zettel aus dünnem Karton oder Makulatur auf Karteikartengrösse zugeschnitten, von Hand oder mit Schreibmaschine darauf seine Eintragungen gemacht, die er mit einem Überschuss an Informationen versah. Auf fast allen sind nämlich weitere Daten «abgespeichert». Das macht den Zettelkasten so einzigartig und erkenntnisreich. Wer darin liest, erfährt nicht nur Strasse, Hausnummer, Wohnort von Hesses damaligen Korrespondenzpartnern.

Die Art und Weise, wie der Dichter seine Kartothek geführt hat, zeigt zudem, wie er in seinem Netzwerk operierte. Denn ähnlich wie wir heute unsere elektronischen Kontakte mit Bemerkungen anreichern, nutzte Hesse freie Flächen auf seinen Zetteln zur Kurzcharakterisierung seiner Briefpartner aufgrund von Informationen aus deren Post. So schreibt er zu einem Kontakt von 1952 aus São Paulo: «liebt
Goldmund, vielleicht Dichterin, legt etwas wie ein Gelübde ab, dass sie ihr Bestes geben wolle».

Unten links (im Bereich der Karte, wo Hesse seine «Gaben» notierte), steht: «Drucke». Die Dame hat also einen Privatdruck geschenkt erhalten, der bis heute vielleicht in Brasilien gehütet wird; im Datenfeld «Gaben» können in Hesses Abkürzung übrigens bis zu zehn Titel gelistet sein. Über einen Gymnasiasten aus der Schweiz, der später selbst Schriftsteller wurde, steht in der Rubrik «Kundenbewertung» (links oben auf der Karte): «wollte handgeschr. Gedicht, bekam andres. War erst
Anti-Hesse, denkt jetzt anders: ‘Bruch mit der Tradition ist Unsinn’». In Max Frischs «Fiche» ist als Adresse (rechts oben) zu lesen: «Roma / Via de Notaris 1» – die Adresse, an der Frisch bis ein Jahr vor Hesses Tod (1962) wohnte –, die älteren Zürcher Adressen sind alle fein durchgestrichen.

Ein Schriftsteller schreibt nicht «nur» Bücher. Um im Gespräch zu bleiben, ist für die Hege und Pflege
des Schriftverkehrs mit Gönnern, Bekannten, Freunden, Leserinnen und Lesern und nicht zuletzt mit Redaktoren sowie Buchhändlern und Verlegern eine patente Kartei unabdingbar.

Hermann Hesse, geb. 1877 in Calw, Baden-Württemberg, starb 1962 in Montagnola, Tessin, wo er sich 1919 niedergelassen hatte. Dichter, Nobelpreisträger 1946. In den 1960er-Jahren in den USA für die
Hippie-Bewegung eine Art «Vorbild», werden seine Bücher heute v.a. in Asien (Japan und China) stark rezipiert.

Schaltzentrale im Briefverkehr (PDF, 195 kB, 07.06.2018)Der kleine Bund, Mittwoch, 16. Mai 2018

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Letzte Änderung 07.06.2018

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