Berndeutsche Sprachspiele

Mit dem «Bärndütsche Gschichtli», bekannter als «Totemügerli», hat sich der junge Kabarettist Franz Hohler 1967 ins kulturelle Gedächtnis der Deutschschweiz eingeschrieben.

Von Ulrich Weber

Franz Hohlers Entwurfsheft
Franz Hohlers Entwurfsheft mit handschriftlicher, korrigierter Version des «Bärndütsche Gschichtli» aus den Jahren 1966/1967

Vor gut 50 Jahren schrieb ein junger Mann, der soeben sein Studium der Germanistik und Romanistik nach fünf Semestern an der Universität Zürich abgebrochen hatte, selten gebrauchte, altertümliche berndeutsche Vokabeln aus dem Wörterbuch in ein Wachstuchheft ab: «abcheischte», «abchorbe», «abflachse», «abhelgele», «abschränze», «abschüfele»... Doch schon beim Buchstaben B ging ihm ob der Fülle die Geduld aus, er fand es anregender, selbst berndeutsche Wörter zu erfinden: «aaschnäggele», «abschöberle», «ugantelig», «Schiggeler». Er kreierte daraus ein «Bärndütsches Gschichtli», die Gruselsage um die beiden Protagonisten «Houderebäseler» und «Schöppelimunggi». Spätabends begegnen sie einem «Totemügerli» und einem «Blindeli» – mit fatalen Folgen. Franz Hohler hiess der junge Kabarettist und Verfasser der Sage. Es war die Zeit Mitte der 1960er Jahre, als in Bern Sprachkünstler wie Kurt Marti und Mani Matter das Berndeutsche vom Ballast des «Bluemete Trögli» befreiten und daraus eine zeitgemässe kreative Sprache entwickelten. Hohler, selbst Oltener Dialekt sprechend, trug mit seinem «Totemügerli» mit liebevoller Ironie «von aussen» das Seine bei. Am 9. Oktober 1967 stellte er es in seinem zweiten Kabarett-Programm, «Die Sparharfte», im Theater am Zielemp in Olten erstmals dem Publikum vor.

Der Erfolg des «Bärndütsche Gschichtli» war phänomenal, nicht nur auf der Kabarett-Bühne. Hohler erinnert sich, wie er den Text einmal in der von ihm gestalteten Kinder-Fernsehsendung «Spielhaus» erzählte und einen Wettbewerb veranstaltete, bei dem die Kinder aufgefordert wurden, die Figuren der Gruselsage zu zeichnen und einzuschicken.

«Es kamen 17'500 Einsendungen. Die sind fast wahnsinnig geworden in der Jugendabteilung, ganze Körbe voll.» Das «Totemügerli» gehört, wie vergleichbar wohl nur die Chansons seines Berner Freundes Mani Matter, zum kulturellen Gemeingut von Generationen von Deutschschweizerinnen und Deutschschweizern: Einzelne erfundene Ausdrücke sind in den Berndeutschen Wortschatz eingegangen, ohne dass den Redenden die Herkunft der Wörter immer bewusst ist.
Sein erstes Kabarett-Programm, «Pizzicato», hatte Franz Hohler noch als Student 1965 in einem Heizungskeller der Universität Zürich präsentiert. Seiner Freude an Fremdsprachen und alten Sprachen liess er darin freien Lauf, trat zum Beispiel als Wandermönch auf und rezitierte eine althochdeutsche Weltuntergangspredigt – auch davon gibt es Spuren im Wachstuchheft. Das Studium schloss Hohler nicht ab, trotzdem kam er zu akademischen Würden: Als ihm 2009 der Ehrendoktor-Titel der Universität Freiburg i. Ü. verliehen wurde, nahm der Geehrte in seiner Dankesrede Bezug auf die Seminararbeit über «Wortzusammensetzungen im altsächsischen Epos ‹Heliand›». «Beim Wiederlesen dieser linguistischen Arbeit habe ich so ausdrucksvolle Komposita gefunden wie ‹firiwit›, ‹gristgrimmo› und ‹weroldstunda›, Vorwitz, Neugier – Zähneknirschen – und die Stunden auf der Welt, also das irdische Leben.» Zu diesen Wurzeln des Deutschen ist Franz Hohler in seinem neuesten Roman, «Das Päckchen», zurückgekehrt: Darin spielt das älteste erhaltene Dokument des Althochdeutschen, ein als «Abrogans» bekanntes althochdeutsch-lateinisches Wörterbuch, eine zentrale Rolle. Während das «Totemügerli» letzten Herbst 50 wurde, feierte Franz Hohler am 1. März 2018 seinen 75. Geburtstag.

Der Schriftsteller und Kabarettist Franz Hohler wurde am 1. März1938 in Biel geboren. Aufgewachsen in Olten, wohnt er heute in Zürich-Oerlikon. 2017 erschien sein Roman «Das Päckchen» im Luchterhand-Verlag.

Ein ausführlicher Beitrag über das «Bärndütsche Gschichtli» erscheint im Band «Sprachsprünge», hg. von Christa Baumberger, Mirella Carbone und Annetta Ganzoni im Chronos Verlag.

Berndeutsche Sprachspiele (PDF, 211 kB, 09.03.2018)Der kleine Bund, Mittwoch, 28. Februar 2018

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Letzte Änderung 10.01.2018

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