Die Schweizerische Nationalbibliothek 2006–2016: Im Zeichen der digitalen Wende

Marie-Christine Doffey, Direktorin der NB
Marie-Christine Doffey, Direktorin der NB

«Führen mit Leistungsauftrag und Globalbudget», kurz FLAG, hiess das Modell, nach dem der Bund die Schweizerische Nationalbibliothek (NB) zwischen 2006 und 2016 führte. Klare Ziele und ein grösserer Handlungsspielraum sollten bewirken, dass die NB schnell auf sich wandelnde Anforderungen reagieren kann. In den elf Jahren der FLAG-Periode haben wir es geschafft, unsere traditionellen Stärken bei der Überlieferung von Schweizer Kulturgut auch im digitalen Bereich zu verankern. 

Mehrjährige Leistungsaufträge waren das Instrument, mit denen der Bundesrat die FLAG-Einheiten steuerte. Für die NB zielten die Aufträge in eine Richtung: Sie sollte sich fit machen für die digitale Welt und gleichzeitig ihre angestammten Aufgaben pflegen. Dementsprechend haben wir die Sammlungen in den digitalen Bereich hinein ausgebaut und die Dienstleistungen umgebaut. Damit wir neue Angebote schaffen konnten, haben wir weniger gefragte oder obsolete aufgegeben. Unsere Mitarbeitenden haben diesen Wandel mitgetragen und mitgestaltet, auch wenn er nicht immer einfach war. Ich danke ihnen herzlich dafür.

Digitale Sammlungen entstehen neben den analogen

Mit der Schweizerischen Nationalphonothek in Lugano (Fonoteca nazionale svizzera, FN), die seit dem 1. Januar 2016 Teil der NB ist, ist die grösste Sammlung von Schweizer Tondokumenten zur NB gelangt. Der überwiegende Teil davon ist digital. Auch innerhalb der Allgemeinen NB-Sammlung, jener der Bücher, Zeitungen und Zeitschriften, haben wir in den letzten Jahren eine digitale Sammlung aufgebaut. Es handelt sich dabei einerseits um original elektronische Publikationen wie e-Books, e-Journals und Websites, anderseits um Digitalisate von gedruckten Publikationen.

Das Schweizerische Literaturarchiv (SLA) hat seine Sammlungsschwerpunkte ebenfalls erweitert. Neu erwirbt es ausgewählte Autorenbibliotheken und Verlagsarchive. Eine besonders grosse Bereicherung erfuhr das SLA durch die Deposita der Robert Walser Stiftung, die sich seit 2009 in der NB befinden. Die Graphische Sammlung wurde 2007 um das Eidgenössische Archiv für Denkmalpflege erweitert, das vorher direkt dem Bundesamt für Kultur angegliedert war.

Die angestammten Sammelgebiete der NB haben wir weiter gepflegt. Es ist uns wichtig, die gedruckten Publikationen zur Schweiz möglichst vollständig anbieten zu können, Bilddokumente und literarische Archive in repräsentativer Auswahl. Alle unsere Sammlungen - ob analog oder digital - können wir nur dank der engen Zusammenarbeit mit den Informationsproduzenten weiter aufbauen: mit Verlagen, Bibliotheken, Archiven, Universitäten, Vereinen, Autorinnen und Autoren, Kunstschaffenden.

Arbeiten an der digitalen Langzeitarchivierung

Im Jahr 2009 eröffneten wir unser zweites unterirdisches Tiefmagazin. Die beiden Magazine bieten Platz für 140ʼ000 Laufmeter Dokumente und damit genug Kapazität bis in die 2030er Jahre. Viele unserer Dokumente sind auf säurehaltigem Papier gedruckt. Um den Zerfallsprozess aufzuhalten, wurden zwischen 2000 und 2014 rund 1,2 Millionen Bände entsäuert. Die nächste Priorität in der Konservierung analoger Dokumente ist die Erhaltung der Fotografien.

Weltweit eine grosse Herausforderung ist die Langzeiterhaltung elektronischer Dokumente. Bei der Entwicklung von Lösungen ist die NB vorne dabei. 2016 führte sie die iPRES 2016 durch, eine der ältesten und renommiertesten internationalen Tagungen auf dem Gebiet der digitalen Langzeiterhaltung. Der nächste Schritt für uns wird sein, unsere digitalen Bestände auf einem zentralen Speicher, einem sogenannten Repository, zu verwalten und sie langfristig zu sichern.

Internationale Standards ermöglichen Vernetzung

Drei Entwicklungen charakterisieren die Erschliessungsarbeiten der vergangenen elf Jahre: Digitalisierung, Standardisierung, Automatisierung. Die Nationalbibliografie Das Schweizer Buch steht seit 2007, die Bibliographie der Schweizergeschichte (BSG) bereits seit 1999 als Datenbank sowie als PDF-Dokument zur Verfügung; die gedruckten Ausgaben wurden aufgegeben. Die BSG wurde in den Jahren 2010 bis 2012 zudem umfassend erneuert. Eingestellt haben wir dagegen die Bibliographia scientiae naturalis helvetica, da nationale Bibliografien für die naturwissenschaftliche Forschung nicht mehr relevant sind. Der letzte Band, mit Berichtsjahr 2005, erschien 2007.

Die Mitarbeit bei der Entwicklung internationaler Standards und deren Einführung - GND (Gemeinsame Normdatei der Deutschen Nationalbibliothek) und RDA (Resource Description and Access) mögen als Stichwörter genügen - bewirken, dass unsere Daten mit denen anderer Institutionen kompatibel sind. Dies schafft Effizienzgewinne bei der Erschliessung und Verknüpfungsmöglichkeiten. Da unsere Metadaten zugleich kostenlos für die Nachnutzung zur Verfügung stehen, können wir uns in Linked open data-Projekten engagieren. Erste Erfahrungen mit der automatisierten Sacherschliessung führten dazu, dass wesentlich mehr bibliografische Datensätze als bis anhin mit Schlagwörtern versehen sind.

Unsere Archivdokumente werden seit 2008 in der Datenbank HelveticArchives erschlossen. Dadurch sind die Dokumente des SLA und der Graphischen Sammlung weitaus besser zugänglich geworden.

Vernetzung erhöht die Nutzung

Besonders eindrücklich zeigt sich der digitale Wandel bei der Nutzung. Während die Nachfrage vor Ort mit wenigen Ausnahmen zurückgeht, nimmt sie im Netz zu. Um sie dort bedienen zu können, haben wir weniger Gefragtes aufgegeben, z. B. das Verzeichnis ausländischer Zeitschriften und Serien in schweizerischen Bibliotheken und den Schweizerischen Gesamtkatalog der Monographien. Aufgebaut haben wir ein Digitalisierungsprogramm mit Schwerpunkten auf Zeitungen und Zeitschriften sowie Bilddokumenten. Soweit das Urheberrecht es gestattet, stehen die Digitalisate auf relevanten Plattformen öffentlich zur Verfügung.

Ein Schlüssel zur breiteren Nutzung unserer Bestände sind Innovation und Kooperationen. Dies zeigen beispielhaft die Zusammenarbeit mit der Wikipedia Community sowie die nationalen und internationalen Forschungsvorhaben des SLA. Die Interessengruppen sind aber im Zeitalter von big data zu vielfältig, als dass wir alle auch nur kennen könnten. Besonders wichtig ist daher die Plattform www.opendata.swiss, auf der staatliche Institutionen, auch die NB, ausgewählte Datensätze allen Interessierten zur freien Nachnutzung zur Verfügung stellen.

Mit der Rolle, die die Schweizer Bibliotheken allgemein - nicht nur die NB - heute und in Zukunft in der Informationsgesellschaft wahrnehmen, setzt sich die Kommission der Schweizerischen Nationalbibliothek vertieft auseinander. Der Bundesrat hat sie auf den 1. Januar 2016 neu bestellt. Das Präsidium hat alt Ständerat Peter Bieri inne. Ich danke der Kommission für das erste Jahr guter Zusammenarbeit und freue mich auf weitere.

Marie-Christine Doffey
Direktorin

Letzte Änderung 16.06.2016

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