Analoge und digitale Welt verschmelzen

Marie-Christine Doffey, Direktorin der NB
Marie-Christine Doffey, Direktorin der NB

Analoge und digitale Welt verschmelzen zu einer einzigen Wirklichkeit. Die Schweizerische Nationalbibliothek als Gedächtnisinstitution der Schweizerischen Eidgenossenschaft will dieser Realität gerecht werden. Vier Handlungsschwerpunkte geben die Richtung vor, die wir einschlagen. 

«Die Zukunft ist digital. Aber das Papier bleibt.» So hatten wir unsere Strategie 2012-2019 überschrieben, als wir sie im Jahr 2011 entwickelten. Inzwischen kann von digitalen Publikationen nicht mehr als Formaten der Zukunft die Rede sein. Sie sind hier, sie wachsen an, neue Formen werden entwickelt, andere aufgegeben. Die digitale Informationsproduktion hat eine Dynamik, die jener auf Papier abgeht. Deren Gattungen sind bekannt, neue entstehen nicht mehr. Aber sie sterben nicht aus. Gedruckte Information wird weiterhin produziert und konsultiert, oft parallel zur digitalen. So blättert mancher morgens sein Leibblatt durch und wendet sich an Wikipedia, wenn er auf einen Begriff stösst, der ihn genauer interessiert.
Das Beispiel zeigt: Die noch gängige Opposition zwischen der «analogen» und der «digitalen» Welt wird im Alltagsleben bald obsolet sein. Die Menschen bewegen sich in einer einzigen Wirklichkeit und nutzen die Werkzeuge, die ihnen am besten entsprechen, sofern sie Zugang dazu haben. Analytisch müssen wir die beiden Bereiche, den analogen und den digitalen, zwar weiterhin trennen, weil sie sonst für uns als Bibliothek nicht handhabbar wären. Praktisch aber verschmelzen sie.
Diese Realität hat Eingang gefunden in die überarbeitete Version unserer Strategie, die seit Ende 2014 in Kraft ist. Als Gedächtnisinstitution der Schweizerischen Eidgenossenschaft will, muss und kann die NB der gesellschaftlichen Wirklichkeit im Umgang mit Information gerecht werden. Unsere Sammlung ist analog und digital. Und sie soll schnell zu finden und einfach zu nutzen sein. Vor Ort und im Netz.

Vier Handlungsschwerpunkte bis 2019

Schritt für Schritt wollen wir unsere Vision ein Stück mehr Wirklichkeit werden lassen: Quellen aus der Schweiz sollen auf der ganzen Welt zur Verfügung stehen, jederzeit, überall und für alle, die daran interessiert sind. Besonders richten wir uns an Studierende, Fachleute und Forschende der Kulturwissenschaften und an die Schweizer Bevölkerung. Jene arbeiten mit unseren Beständen. Diese kann in der NB einen Teil ihres kulturellen Erbes entdecken und nutzen.

Konkret haben wir bis 2019 folgende Handlungsschwerpunkte festgelegt:

  1. Wir erhalten Zeugnisse der Gegenwart für die Zukunft.
  2. Unsere Inhalte sind einfach zu finden und leicht zu benutzen.
  3. Wir unterstützen Forschende bei ihrer Arbeit.
  4. Wir machen die Schweiz zum Thema.

Wie erfolgreich wir in den ersten beiden Handlungsfeldern sind, wird mit entscheiden, ob es uns gelingt, auch in der Forschung und im öffentlichen Diskurs über die Schweiz eine Stimme zu sein, die wahrgenommen wird.

Wir erhalten Zeugnisse der Gegenwart für die Zukunft

Das Sammeln und Erhalten steht am Anfang jeder Überlieferungsbildung. In Zusammenarbeit mit unseren Partnern sammeln wir, wie bisher, Helvetica auf allen Trägermedien. Wir garantieren ihre Langzeiterhaltung in der originalen Form und ihre Lesbarkeit.

Die Methoden für die Erhaltung von Papierdokumenten wenden wir seit langer Zeit erfolgreich an. So haben wir 2014 das Programm der Papierentsäuerung abgeschlossen, das im Jahr 2000 begonnen hatte. Dadurch konnten wir die Lebensdauer der behandelten Dokumente um mindestens das Vierfache verlängern.

Wegen des dauernden Wandels ist der Aufwand für das Sammeln und Erhalten digitaler Publikationen wesentlich höher als für solche auf Papier. Wir sind dabei, einen zielführenden und gleichzeitig ressourcenschonenden Umgang damit zu entwickeln. Eine Schlüsselrolle kommt dabei einem sogenannten «Repository» zu, einem zentralen Datenspeicher für die Langzeitarchivierung und die Verwaltung unserer digitalen Inhalte.

Neben Text- und Bilddokumenten werden bald auch Tonträger zu den Sammlungen der NB gehören. Gleichzeitig mit der Verabschiedung der Kulturbotschaft hat der Bundesrat im November 2014 entschieden, die Schweizer Nationalphonothek per 1. Januar 2016 in die Schweizerische Nationalbibliothek einzugliedern. Sowohl der Stiftungsrat der Nationalphonothek wie der Bundesrat sind der Meinung, dass das der beste Weg sei, um diesen Teil des Schweizer Kulturguts zu erhalten. Auch nach der Integration wird die Nationalphonothek in Lugano bleiben. Für die NB wird dies ihr dritter Standort sein, neben dem Hauptsitz in Bern und dem Centre Dürrenmatt Neuchâtel.

Unsere Inhalte sind einfach zu finden und leicht zu benutzen

Erste Voraussetzung dafür, dass Inhalte weltweit auffindbar sind, sind standardisierte und qualitativ gute Metadaten. Wir katalogisieren deshalb nach internationalen Normen. So arbeitet die Sacherschliessung seit 2013 mit der neuen Gemeinsamen Normdatei. Ein neues Sachkatalogisierungskonzept soll die Beschlagwortung auch der originär digitalen Dokumente ermöglichen, ohne dass dafür mehr Personal eingesetzt werden muss.

In den nächsten Jahren steht die Ablösung des Bibliothekssystems und damit auch der Benutzungsoberfläche bevor. In Zukunft wollen wir unsere bibliografischen Daten primär via einen geeigneten Metakatalog zur Verfügung stellen. Im Interesse einer breiteren Verfügbarkeit und einer einfacheren Zugänglichkeit werden wir in absehbarer Zeit auf eine NB-eigene Schnittstelle für die Benutzung verzichten. Voraussetzung dafür ist die Einführung eines neuen Bibliothekssystems, die für das Jahr 2017 geplant ist.

Nicht nur die Metadaten, auch die Dokumente und deren Inhalte selbst sollen einfach auffindbar sein, vor Ort und, wo rechtlich zulässig, online. Inhaltlich legen wir das Schwergewicht dabei auf Schweizer Persönlichkeiten und Orte sowie für die Schweiz wichtige Ereignisse. Als Verbreitungsmedien stehen wie beim Bibliothekskatalog Plattformen Dritter im Vordergrund, die in der Regel eine grössere Reichweite haben und andere Gruppen ansprechen als NB-eigene Plattformen. Beispielhaft dafür ist die Zusammenarbeit mit Wikimedia Schweiz, die wir im Jahr 2014 aufgenommen haben.

Wir unterstützen Forschende bei ihrer Arbeit

Unsere Sammlungen enthalten zunächst einmal Informationen. Damit daraus Wissen wird, müssen diese strukturiert, ausgewertet und kontextualisiert, mit einem Wort: erforscht werden. Die Unterstützung der Forschung in den Kulturwissenschaften ist eines unserer zentralen Anliegen. Dafür bieten wir Dienstleistungen und persönliche Beratung an.

Expertenwissen stellen wir zur Verfügung in der Literaturwissenschaft, der Geschichtswissenschaft und den Bildwissenschaften. Wir pflegen enge Kontakte mit den entsprechenden wissenschaftlichen Communities, damit wir unser Angebot laufend neuen Entwicklungen in der Forschung anpassen können. So sind wir dabei, die Bibliographie der Schweizergeschichte mit Plattformen zu vernetzen, die für die Forschenden Mehrwert bringen, wie das Historische Lexikon der Schweiz oder die Diplomatischen Dokumente der Schweiz.

Forschungskooperationen mit Universitäten, Fachhochschulen und Gedächtnisinstitutionen gehen wir in der Literaturwissenschaft und für die Auswertung unserer Bildbestände ein. Ein aktuelles Beispiel ist das SNF-Projekt zu den Künstlerbüchern, das die Graphische Sammlung der NB zusammen mit der Universität Lausanne durchführt. Unsere Forschungsergebnisse publizieren wir in geeigneter Form. So hat das Schweizerische Literaturarchiv im Berichtsjahr zwei Bände herausgebracht, die die Resultate wissenschaftlicher Tagungen dokumentieren.

Wir machen die Schweiz zum Thema

Unsere Sammlungen eignen sich wie wenige, zum Nachdenken über unser Land anzuregen und dadurch auch zu dessen Verständnis beizutragen. Aus diesem Grund zeigen wir eine Auswahl aus unseren Dokumenten in historischen und kulturellen Zusammenhängen, vor Ort und online. Wir wollen hergebrachte Präsentationsformen mit neuen verbinden. Damit können wir sowohl die Aura des Originals wie die Reichweite der Reproduktion nutzen.

In Fachkolloquien sollen sich Spezialistinnen und Spezialisten einzelner Disziplinen mit unseren Sammlungen, aber auch mit allgemeinen Fragen auseinandersetzen, denen sich Gedächtnisinstitutionen gegenüber sehen.

Für ein breiteres Publikum werden Veranstaltungen und grössere Ausstellungen wichtig bleiben, sowohl an unserem Hauptsitz in Bern wie im Centre Dürrenmatt Neuchâtel. Die Ausstellung Im Feuer der Propaganda. Die Schweiz und der Erste Weltkrieg, die wir zusammen mit dem Museum für Kommunikation im Berichtsjahr zeigten, weist in die Richtung, in die unsere kulturelle Vermittlung methodisch gehen soll. Begleitend zur Ausstellung wurden regelmässig Dokumente auf Facebook publiziert, die in der Ausstellung selbst nicht zu sehen waren. Diese Ausdehnung in den virtuellen Raum wollen wir in Zukunft verstärken. Damit wollen wir auch Personen, die nicht reisen möchten oder nicht reisen können, die Möglichkeit geben, an unserem Programm - bzw. ihrem Kulturerbe - teilzuhaben.

Die Förderung der kulturellen Teilhabe, des gesellschaftlichen Zusammenhalts sowie von Kreation und Innovation sind die drei Handlungsachsen, die der Bundesrat in der Kulturbotschaft definiert hat. Diese finden sich, umgesetzt auf unseren Auftrag, in der revidierten Strategie der NB wieder.

Marie-Christine Doffey
Direktorin

Letzte Änderung 16.06.2015

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