Die Klischeebibliothek gibt es nicht

Eine Bibliothek muss heute gedruckte und elektronische Medien anbieten. Es ist falsch, Bücher und Internet gegeneinander auszuspielen. Das schreibt NB-Direktorin Marie-Christine Doffey in einem Leserbrief an die NZZ am Sonntag. Sie weist damit die massive Kritik des Direktors der ETH-Bibliothek an den Bibliotheken an sich zurück.

Marie-Christine Doffey, Direktorin der NB
Marie-Christine Doffey, Direktorin der NB

Mit Sinn für Dramatik und Provokation fordert der Direktor der ETH-Bibliothek in der NZZ am Sonntag vom 7.2.2016, Bibliotheken müssten ihr Geschäftsmodell ändern. Als ob sie das nicht laufend tun würden. Seit es sie gibt, verändern sich Bibliotheken zusammen mit der Gesellschaft, für die sie da sind. Darum versteht es sich von selbst, dass heute eine Bibliothek neben gedruckten auch elektronische Bücher und Zeitschriften und weitere Medien bis hin zu Spielen anbietet. Ebenso ist es selbstverständlich, dass die Bibliothek Fachleute und Laien bei der Suche nach relevanten Informationen berät.

Die Klischeebibliothek, die aus mit endlosen Bücherregalen tapezierten Sälen besteht, gibt es nicht. Gedruckte Publikationen machen nur einen Teil einer heutigen Bibliothek aus. Viele Leute bevorzugen gedruckte Bücher und Zeitungen nach wie vor, sonst würden die Verlage sie nicht mehr auf den Markt bringen. Wenn Bibliotheken die Druckausgaben nicht mehr führen, errichten sie eine neue Informationsbarriere für einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung. Das ist so ziemlich das Gegenteil ihres Auftrags.

Diese neue Barriere ausgerechnet mit dem Internet zu begründen, ist paradox. Das Internet steht für freien Zugang zur Information, nicht für die Errichtung von Schranken in seinem Namen. Das Internet löst seinen eigenen Anspruch aber nur teilweise ein. Aktuelle elektronische Publikationen sind nicht gratis zu haben. Die Preise sind teilweise sehr hoch. Nur dank den Bibliotheken, die Lizenzen erwerben, wird den meisten Leuten der Zugang dazu erst ermöglicht. Das weiss der Direktor der ETH-Bibliothek nur zu gut.

Die Welt der digitalen Publikationen hat neben zum Teil hohen Preisen weitere Schwächen. Zum ersten sind digitale Daten noch kurzlebig: Die Frage, wie man sie über die Zeit rettet, ist alles andere als definitiv gelöst. Zum zweiten ist die digitale Welt trotz ihrer Datenfülle beschränkt. Was dem Urheberrecht unterliegt, ist in der Regel nicht kostenlos verfügbar, und oft ist es digital überhaupt nicht erhältlich.

Bücher in Bibliotheken würden erst dann überflüssig, wenn die Nachfrage danach drastisch zurückginge. Wer sie vorher abschaffen will, masst sich an, einen grossen Teil des Publikums auf eine bestimmte Informationsschiene zu zwingen. Bibliotheken sollten gerade die Chancen nutzen, die ihnen die Doppelgesichtigkeit der Welt der Informationen bietet: nämlich ihre Inhalte soweit möglich sowohl gedruckt wie auch online anbieten. Jedenfalls versuchen wir das als Nationalbibliothek, soweit es rechtlich erlaubt ist und soweit wir es innerhalb unseres Erhaltungsauftrags und unseres Budgets umsetzen können.

Marie-Christine Doffey
Direktorin der Schweizerischen Nationalbibliothek

Letzte Änderung 14.02.2016

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