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Bibliotheken gestalten die digitale Zukunft mit

Marie-Christine Doffey, Direktorin der NB
Marie-Christine Doffey, Direktorin der NB

Digitalisierung, elektronische Archivierung, offene Daten - das sind drei Felder, in denen die Bibliotheken die digitale Zukunft mitgestalten. Die Basis dafür sind die Sammlungen, sowohl jene auf Papier wie die original elektronischen. Den Zugriff darauf stellen standardisierte Metadaten sicher. 

Manchmal werde ich gefragt, wie lange es Bibliotheken wohl noch geben werde. Meine Standardantwort ist: «So lange Menschen neugierig sind, werden sie Bibliotheken wollen. So lange eine Gesellschaft vorankommen will, wird sie Bibliotheken brauchen.» Als Gegenargument wird immer das Internet angeführt. Dort sei ja alles verfügbar, was man an Informationen oder Unterhaltung brauche. Wer wolle da noch gedruckte Bücher lesen, geschweige denn Einrichtungen besuchen, wo man sie ausleihen könne.

Wenn wir diesen Argumenten auf den Grund gehen, sehen wir, dass das Internet die Bibliotheken nicht ersetzt, sondern sich ihrer im Gegenteil bedient. Und umgekehrt bedienen sich die Bibliotheken des Internets. Es wäre übertrieben, von einer Symbiose zu sprechen, denn beide könnten ohne einander existieren. Aber der Austausch zwischen den beiden Domänen hat Neues geschaffen, und das Potenzial dafür ist noch nicht ausgeschöpft. Dass das Neue, das entsteht, auch über die Zeit gerettet wird, dafür werden die öffentlich finanzierten Bibliotheken sorgen, denn die privaten Akteure des Internets können ihre Aktivitäten von heute auf morgen ändern oder ganz einstellen. Die Bibliotheken sind die Garanten dafür, dass alle auch zum digitalen Kulturerbe Zugang haben.

Online nimmt zu – Print bleibt gefragt

Es wird sehr viel online publiziert. So waren beispielsweise Ende 2015 knapp 2 Millionen Domainnamen unter der .ch-Domain registriert. Die Sammlung original elektronischer Publikationen ist denn auch diejenige unserer Sammlungen, die am schnellsten wächst - obwohl wir nur selektiv sammeln. Rund 1400 Publikationen umfasste sie im Jahr 2008, als wir erstmals Zahlen dazu publizierten. Ende 2015 waren es über 40ʼ000, ein Vielfaches des ursprünglichen Bestands.

Verglichen mit den fast 3 Millionen gedruckten Büchern und den fast 900ʼ000 Zeitungs- und Zeitschriftenbänden ist das noch wenig, zumal auch die Sammlung der Printpublikationen laufend wächst. Beispielsweise kamen in der Schweiz 2015 gut 12‘000 neue Bücher in den Handel. Entgegen dem, was man vermuten würde, ist diese Zahl über die Zeit mehr oder weniger stabil. Bei den Nutzenden sind die Druckwerke nach wie vor gefragt. Die Erhebungen des Bundesamts für Statistik ergaben über alle Bibliothekskategorien hinweg 44,5 Millionen Ausleihen in der Schweiz im Jahr 2014. Die Mehrzahl davon sind gedruckte Dokumente. Das zeigt die Erfahrung, auf die wir mangels differenzierter Daten zurückgreifen müssen.

Die physische Sammlung garantiert die Überlieferung

Warum wird so viel Gedrucktes ausgeliehen, wenn doch das Internet eine Überfülle an Informationen bereit hält?

Der eine Grund ist sicher, dass nach wie vor viele Menschen die gedruckte Ausgabe, z.B. eines Buches, der elektronischen vorziehen. So lange das so ist, sollten Bibliotheken auch gedruckte Werke anbieten, sofern sie die Mittel dazu haben. Tun sie das nicht, riskieren sie, neue Informationsbarrieren aufzubauen. Ein zweiter Grund für die hohe Nachfrage nach gedruckten Publikationen ist, dass lange nicht alle elektronisch im Internet verfügbar sind. So stehen von den Beständen unserer Allgemeinen Sammlung zwar eindrückliche 12,1 Millionen Seiten online zur Verfügung, und doch ist das, rund zehn Jahre nach dem Start des Digitalisierungsprogramms, nur ein halbes Prozent des Bestandes.

Die physische Sammlung kann also nicht ersetzt werden, selbst wenn wir sie nur als Träger von Informationen betrachten. Nur sie ist in der Lage, die gedruckte Information vollständig zugänglich zu halten. Sie ist auch der Garant für deren Beständigkeit, denn im Vergleich zur elektronischen Information ist Papier relativ einfach über die Zeit zu retten. Ein weiterer Aspekt physischer Sammlungen ist, dass sie oft Kulturgut sind, das man nicht preisgeben darf. Jedes Buch, jede Zeitung, jede Zeitschrift ist nicht nur Informationsträger, sondern ein Objekt, das als solches eine Aussagekraft und einen Wert hat. Eine selbstbewusste und sich selbst bewusste Gesellschaft wird es sich nicht nehmen lassen, mindestens ein Exemplar jeder gedruckten Publikation ihren Nachkommen zu überliefern.

Digitalisierung: Chancen und Grenzen

Das heisst nun aber nicht, dass die Werke in diesen Sammlungen ruhen, bis zufällig jemand kommt und eines verlangt. Die gedruckten - oder, um es allgemeiner zu sagen, die analogen Sammlungen, die zum Teil über Jahrhunderte aufgebaut wurden, sind eine der wichtigsten Quellen, aus denen sich das Internet speist. Manuskripte, Inkunabeln, Codices, Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Bilder, Töne werden digitalisiert und stehen allen immer überall dort zur Verfügung, wo es einen Zugang ins Netz gibt. Sie gewinnen so eine Öffentlichkeit, die sie als Objekt allein niemals erreichen könnten.

Hätten die Bibliotheken mehr Geld, könnten sie ihre Dokumente schneller online stellen. An ein Ende käme die Digitalisierung auf absehbare Zeit trotzdem nicht. Einer vollständigen Digitalisierung steht das Urheberrecht entgegen - geschützte Werke darf man nicht ohne Einwilligung des Rechteinhabers reproduzieren. Zudem ist die digitale Welt viel weniger beständig als die analoge. Verfahren werden verbessert, und damit nehmen die Qualitätsansprüche zu. Daher haben wir keine Garantie, dass das, was gestern digitalisiert wurde, auch morgen noch genügt. So ist es durchaus möglich, dass periodisch neu digitalisiert werden muss.

Bibliotheken archivieren das Internet

Aus einem anderen Grund relativ schwierig über die Zeit zu bringen sind die original elektronischen Publikationen. Diese werden, im Gegensatz zu digitalisieren Printprodukten, nicht nach einheitlichen Standards hergestellt. Entsprechend schwierig ist die Archivierung. Die Konsequenz ist, dass original elektronische Information in Gefahr ist, eines Tages unwiederbringlich zu verschwinden. Die Naturwissenschaften, die technischen und die medizinischen Wissenschaften, in denen fast nur noch elektronisch publiziert wird, tun das mit dem Risiko, ihre Geschichte zu verlieren.

Bibliotheken und Archive arbeiten daran, dass das nicht passiert, auch die Schweizerische Nationalbibliothek. Wir befinden uns im ständigen Austausch mit Fachleuten in aller Welt, um die digitale Langzeitarchivierung voranzubringen. Im Herbst 2016 sind wir Gastgeber einer der renommiertesten internationalen Konferenzen auf diesem Gebiet, iPRES2016.  Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass die vermeintlichen Konkurrenten - Internet und Bibliotheken - eigentlich Partner sind. Es sind die Bibliotheken, in erster Linie die Nationalbibliotheken, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das Internet, oder zumindest Teile davon, über die Zeit zu retten. Wir als Schweizerische Nationalbibliothek betreiben beispielsweise mit einer Vielzahl von Partnern das Webarchiv Schweiz, in dem für die Schweiz besonders relevante Websites archiviert werden.

Bei der Informationsverbreitung und bei der Informationserhaltung nutzen Internet und Bibliotheken ihr gegenseitiges Potenzial schon länger. Angeregt von einem neuen Medium, haben sich die Bibliotheken in ihrer fünftausendjährigen Geschichte einmal mehr neu erfunden, ohne die Tradition aufzugeben. Sie haben sich mit der Gesellschaft, für die sie da sind, auseinandergesetzt und ihren Bedürfnissen angepasst. Zu diesen gehört eben auch die Bewahrung der Erinnerung - auch ans Internet in seiner heutigen Form.

Offene Daten ermöglichen neuartige Verknüpfungen

In Zukunft werden Bibliotheken und Internet wohl auch in der neuartigen Verknüpfung von Informationen zusammenwirken; das Stichwort dazu heisst «linked open data». Die Bibliotheken stellen nicht nur ihre Inhalte online, sondern öffnen auch ihre Kataloge für die Suchroboter. Dadurch werden die von den Bibliotheken selbst generierten Daten, die Metadaten, öffentlich, z.B. Autor, Titel, Verlag, Ort, Thema einer Publikation. Wenn diese standardisiert sind, lassen sie sich leicht mit Daten zum gleichen Autor, Verlag, Thema anderer Institutionen oder sogar von Privatpersonen verknüpfen.

Die NB stellt ihre Inhalte und ihre Metadaten nicht nur kostenlos zur Verfügung, wo immer das möglich ist, sie fördert auch die Nachnutzung. So beteiligt sie sich beispielsweise am Schweizer Portal für offene Behördendaten, veröffentlicht attraktive Bilder auf Wikimedia Commons, der Mediensammlung von Wikipedia, und brachte ihre Daten am sogenannten Kulturdaten-Hackathon ein, einer experimentellen Veranstaltung für Softwareentwickler. Sie ist im Projekt Metagrid dabei, das eine gegenseitige Vernetzung unterschiedlichster Ressourcen für die Geschichtswissenschaft anstrebt. Und seit kurzem ist die Bibliographie der Schweizergeschichte mit dem Portal Rechtsquellen Online der Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen vernetzt.

Die Möglichkeiten, die «linked open data» der Forschung bieten, sind noch nicht ausgelotet. Die bessere Verknüpfung von Quellen via Metadaten erleichtert sicher die Recherche. Es sind aber auch neuartige Fragestellungen, neue Methoden und damit völlig neue Erkenntnisse denkbar. Die Zukunft ist offen. Die Bibliotheken gestalten sie mit.

 

Ein Mensch, dem die Rolle und die Zukunft der Bibliotheken am Herzen lag, war alt Ständerätin Christiane Langenberger. Seit 2008 präsidierte sie die Kommission der Schweizerischen Nationalbibliothek. Am 16. August 2015 ist Frau Langenberger verstorben. Unter ihrer Leitung ist eine Bibliothekscharta für die Schweiz entstanden. Ein besonderes Anliegen war Christiane Langenberger die nationale Koordination der Bibliothekspolitik. Als deren spiritus rector wird sie uns in Erinnerung bleiben.

Marie-Christine Doffey
Direktorin


Zuletzt aktualisiert am: 16.06.2016

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