Zum Hauptinhalt springen

Veröffentlicht am 6. Juli 2026

Niklaus Stauss’ «Wonderful World»

Ab den 1950er-Jahren hat der in Zürich lebende Fotograf Niklaus Stauss (*1938) die grossen Persönlichkeiten der Kultur porträtiert. Seine Aufnahmen zeugen von einem einzigartigen Blick und einer fotografischen Praktik, die sich aus der Spontaneität ergibt. Mit seinen Bildern nimmt er uns mit in die Backstage eines Konzerts von «Louis Armstrong and His All Stars» im Zürcher Kongresshaus am 5. April 1962. Lassen wir uns von einer Auswahl Fotografien in die Jazz-Ära versetzen.

Von Juliette Berthoud

Louis Armstrong, weiss gekleidet, mit zwei schwarz gekleideten Musikern seiner Band.

In den frühen 1960er-Jahren tourt Louis Armstrong (1901–1971) durch die ganze Welt. Seine Big Band ist vor allem von 1962 bis 1967 sehr gefragt. In diesen Jahren nimmt die Band mehrere grosse Erfolge auf, darunter 1964 «Hello Dolly!» und 1967 «What a Wonderful World». Armstrong ist auf dem Höhepunkt der Karriere, als er für seine zwei Zürcher Konzerte in die Schweiz reist. Der junge Fotograf Niklaus Stauss steht hingegen am Anfang seines Berufslebens, als er eines dieser Konzerte im Kongresshaus Zürich besucht. Er arbeitet damals freiberuflich für die Presseagentur Keystone. Mit erst 24 Jahren nimmt Stauss sensationelle Bilder auf und verewigt die Energie der berühmten Jazz-Band.

Ein Künstler in guter Gesellschaft

Louis Armstrong und die Sängerin Jewel Brown am Mikrofon, Profilansicht

Während des Konzerts fotografiert Niklaus Stauss die Künstler in voller Aktion und nimmt uns mit an den Bühnenrand. Er hält den Moment aus einem originellen Blickwinkel fest, während er das Licht gekonnt zur Bildstrukturierung einsetzt. Es fällt auf, dass er Armstrong nicht allein, sondern umgeben von seinen «All Stars» fotografiert. Auf diesem Bild teilt er das Mikrofon mit der amerikanischen Sängerin Jewel Brown. Sie blicken in die gleiche Richtung und werden von den Scheinwerfern hell beleuchtet. Browns Armbewegung gibt dem Bild Dynamik und begleitet den Lichtstrahl auf dem Bühnenboden. Rechts ist eine Klarinette zu erkennen, vermutlich gespielt von Joe Darensbourg. Armstrong wird von Stauss zwar nicht in die Bildmitte gerückt, ist aber durch die Beleuchtung trotzdem die zentrale Figur, während Brown und Darensbourg im Schatten stehen.

Ein eigenwilliger Blickwinkel

Louis Armstrong und seine Big Band, im Profil durch die Bühnenvorhänge fotografiert.

Dieser Auswahl von Fotografien gemeinsam ist der neue, ungewohnte Blickwinkel: Indem er das Konzert vom Bühnenrand aus fotografiert, stellt uns Niklaus Stauss ins Zentrum des Geschehens an einen Ort, der dem Publikum sonst verborgen bleibt. Fast scheint es, als wären wir selbst Teil der Big Band. Diese «Backstage-Fotografie» zeugt auch vom Mut des jungen Fotografen. Er strukturiert die Komposition anhand der Bühnenvorhänge. Da diese dazu dienen, unseren Blick auf die Bühne zu lenken, werden sie meist nicht beachtet und sind in der Bildkomposition kaum präsent. Stauss nutzt sie hier genau in dieser Funktion: Sie bilden einen Rahmen innerhalb der Fotografie und verengen wie ein Zoom den Blick auf die Band. Gleichzeitig verdunkeln die Vorhänge das Bild und setzen einen Kontrast zur beleuchteten Bühne, der unseren Blick in dieser Komposition auf die Band und vor allem auf Louis Armstrong lenkt, der sich in seinem weissen Anzug besonders abhebt. Einmal mehr ist er das Hauptmotiv des Bildes, ohne vom Fotografen in den Vordergrund gerückt zu werden.

Niklaus Stauss trifft Louis Armstrong

Louis Armstrong sitzt in seiner Garderobe und spielt Trompete.

Zu Stauss’ berühmtesten Fotografien gehört dieses Porträt von Louis Armstrong in seiner Garderobe. Die Originalität des Bildes besteht darin, dass der Musiker nicht zu posieren scheint. Er spielt vor einem Spiegel sitzend und ist für den Fotografen im Profil zu sehen. Den Fotoapparat beachtet er nicht und die Aufnahme scheint schon fast heimlich entstanden zu sein.

Im Buch «Foto: Niklaus Stauss. Mit der Kamera unterwegs seit 1950» erzählt der Fotograf, dass dieses Treffen mit Louis Armstrong nicht geplant war. Er ging nach dem Konzert ganz einfach auf ihn zu und durfte ihn schliesslich in seiner Garderobe fotografieren. Stauss beschreibt hier eine Zeit, in der «alles freier und unkomplizierter» war (S. 40). Diese Spontaneität macht seine Bilder so einzigartig.

Niklaus Stauss wurde am 27. Januar 1938 in Lichtensteig (SG) geboren. Nach einer Ausbildung an der Kunstgewerbeschule in Zürich arbeitete er von 1955 bis 1959 als freischaffender Fotograf für Keystone Press in Zürich. 1961 eröffnete er sein erstes Fotoatelier und 1985 gründete er die Presse-Photoagentur und das Archiv für Kunst + Kultur (PPK+K). Von 1989 bis 1993 war er als offizieller Fotograf am Theater am Neumarkt Zürich tätig. Während seiner ganzen Karriere nahm er an zahlreichen Ausstellungen teil. Er fotografierte sein Leben lang und hat das gesellschaftliche, künstlerische und kulturelle Leben in der Schweiz von den 1950er- bis in die 2010er-Jahre festgehalten.

Die Graphische Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek hat das gesamte Archiv von Niklaus Stauss 2011 erworben. Der Bestand wird auf mehr als 50 000 Dokumente geschätzt, darunter mehrheitlich analoge Schwarz-Weiss-Fotografien, Dias, Kontaktabzüge und Ausdrucke.

Originalschachtel mit Dokumenten aus dem Archiv von Niklaus Stauss, daneben Fotos und Negative auf einem Tisch.

Bibliografie und Quellen

Schweizerische Nationalbibliothek

Graphische Sammlung
Hallwylstrasse 15
3003 Bern