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Auf der Suche nach den senkrechten Wassern

Bereits die Pioniere der Schweizer Landschaftsmalerei wählten im 18. und 19. Jahrhundert Wasserfälle als Motiv. Der Staubbachfall und andere «vertikale Gewässer» fanden nicht nur Eingang in unzählige Reiseberichte, literarische Werke und Fotoreportagen, sondern zierten auch Plakate, mit denen Tourismusorganisationen im In- und Ausland für ihre Destinationen warben und zum Erleben des Aussergewöhnlichen einluden. Digitalisierte Werke aus der Nationalbibliothek gewähren Einblick in diese Bilderwelt.

Beliebtes Sujet in der Malerei

Während sich ein ruhiger See als horizontale Wasserebene präsentiert, begegnet uns das gleiche Element im stürzenden Wasserfall in der Vertikale – wenn auch nur für die kurze Dauer seines freien Falls. Diese Flüchtigkeit ist ein wesentlicher Teil der Faszination von Wasserfällen. Ihre oft spektakuläre Schönheit wurde schon in der Pionierzeit des Tourismus bewundert, beschrieben und gepriesen und in Gemälden festgehalten.

Das Gemälde zeigt das Lauterbrunnental mit seinem grünen Talgrund, eingerahmt von steil aufragenden Felsflanken. Von rechts stürzen mehrere Wasserfälle hinunter, im Vordergrund fliesst der Staubbach. Zu seinen Füssen liegt eine kleine Siedlung, umgeben von Weiden, Obstbäumen und Wald.

Im 18. und 19. Jahrhundert schufen Schweizer Kleinmeister Landschafts- und Ortsansichten, volkstümliche Szenen und Trachtendarstellungen für einen wachsenden touristischen Markt. Ein beliebtes Sujet waren Wasserfälle, wie exemplarisch das 1836 entstandene Gemälde «Der Staubbach im Lauterbrunnenthal» von Johann Heinrich Bleuler dem Jüngeren (1787–1857) zeigt. Die Sammlung Gugelmann, die 1978 durch Schenkung an die Schweizerische Nationalbibliothek überging, umfasst hauptsächlich Werke dieses Kunstgenres. Die NB hat die Sammlung Gugelmann digitalisiert und die hochauflösenden Bilder in Wikimedia Commons online gestellt.

Die schwarz-weisse Radierung zeigt das steil aufragende Felsufer des Walensees vom See aus. Von oben stürzt der Seerenbach im freien Fall hinunter, bevor er sich durch eine Schlucht in den See ergiesst. Auf den flankierenden Felskuppen finden nur wenige Bäume Halt.

Der Staubbachfall im Lauterbrunnental gilt als der höchste frei fallende Wasserfall in der Schweiz. Allerdings ist die Erstellung einer solchen Rangliste mit einigen Schwierigkeiten verbunden. Das liegt zum einen daran, dass die Messung der Fallhöhe in schwer zugänglichem Gelände schwierig ist. Zum andern aber auch daran, dass die Feststellung, was ein «hoher» Wasserfall ist, davon abhängt, wie ein «Wasserfall» definiert wird. Unter der Annahme, dass nicht das ganze Wasser im freien Fall stürzen muss, kann der Staubbachfall den ersten Platz für sich beanspruchen. In anderen Ranglisten liegt er hingegen an dritter Stelle, hinter dem Mürrenbachfall, ebenfalls im Lauterbrunnental, und den Seerenbachfällen am Walensee.

Der Wasserreichste auf dem europäischen Festland

Das Album «Malerische Reise rund um den Rheinfall» wurde von Johann Ludwig Bleuler (1792–1850), dem jüngeren Bruder von Johann Heinrich erstellt. Mit dem Rheinfall wählte dieser Künstler ein ebenso bekanntes wie beliebtes Reiseziel und Motiv für die Zeichnungen in seinem Album. Zahlreich sind nicht nur solche bildnerischen Darstellungen, sondern auch die Reisebücher, in denen der Rheinfall beschrieben und beworben wird. Diese Bücher können, soweit sie durch das Urheberrecht nicht mehr geschützt, also gemeinfrei sind, auf Wunsch vollständig digitalisiert werden (E-Book on Demand).

Auf dieser Aquatinta-Druckgrafik sind die stiebenden Wassermassen des Rheinfalls und der markante Fels in dessen Mitte mit Blick flussaufwärts dargestellt. Links sind die Schmieden am nördlichen Ufer zu sehen. Die rechte Bildhälfte wird dominiert vom Schloss Laufen, das über dem rechten Ufer thront. Im Vordergrund stehen ein Mann sowie ein Junge mit einer Fischerrute in der einen und einem Fisch in der anderen Hand.

Technische Inszenierung der Natur

Schon im 19. Jahrhundert warben die aufstrebenden Tourismusorte, Hotels und Pensionen mit den Wasserfällen und anderen Naturschönheiten, um Gäste aus nah und fern anzulocken. Bald kam die Idee auf, die Attraktivität des Reiseziels weiter zu steigern, beispielsweise durch zusätzliche Angebote für die Gäste oder durch die Inszenierung des Ortes selbst – eine Entwicklung, die noch heute im Gang ist. Stichworte dazu sind Hängebrücken, Aussichtsplattformen, Trottinett-Abfahrten usw. Ein Pionier dieser Art von Zusatzangeboten war Carl Hauser-Blattman, der Besitzer des 1875 eröffneten Grandhotels Giessbach: Er liess die Giessbachbahn erbauen, die 1879 als erste rein touristische Seilbahn der Schweiz den Betrieb aufnahm.

Das hochformatige Plakat mit starkem Hell-Dunkel-Kontrast zeigt die Reichenbachfall-Bahn bei ihrer Fahrt über die steile Fachwerkbrücke. Von links oben fliesst der Reichenbach herab und unterquert die Brücke nach rechts. Ein fahles, gelbliches Licht beleuchtet das markante Bauwerk und den Bahnwagen. Den Hintergrund bildet ein dunkler Fichtenwald. Das Plakat mit der Überschrift «REICHENBACH-FÄLLE Haslithal» verspricht «Elektrische Beleuchtung der Reichenbachfälle bei schönem Wetter jeden Abend gegen 9 Uhr».

Plakate: Die Werbung wird grossflächig

Im Jahr 1899 wurde mit der Reichenbachfall-Bahn die 23. Standseilbahn der Schweiz eingeweiht. Sie erschliesst bis heute einen Ort von wahrhaft mystischer Tragweite: den Reichenbachfall. Dieser erlangte Berühmtheit dank dem Meisterdetektiv Sherlock Holmes. Sein Schöpfer, Sir Arthur Conan Doyle, wählte 1893 diese spektakuläre Kulisse für das (vermeintliche) Ende des Meisterdetektivs und liess ihn in der Erzählung Das letzte Problem im Kampf gegen Professor Moriarty in die Tiefe stürzen.

Durch das literarische Schicksal von Sherlock Holmes wandelte sich die Wahrnehmung des wildromantischen Wasserfalls: Er wurde zu einem geheimnisvollen, fast unheimlichen Ort des Verderbens. Seine düstere Faszination entfaltete sich besonders in der Dunkelheit der Nacht. So kamen die Betreiber der Bahn auf die Idee, Nachtfahrten anzubieten und die Reichenbachfälle elektrisch zu beleuchten. Ein Plakat in düsteren Farben sollte wohl die Freunde des Gruselns anlocken – allerdings mit wenig finanziellem Erfolg: Schon am 20. Februar 1903 verfügte das Bundesgericht die Zwangsliquidation der Bahn. Dieses und zahlreiche weitere Plakate sind Teil der Graphischen Sammlung der NB.

Bildquellen und Literatur

Schweizerische Nationalbibliothek

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