Versenkt, versengt. Die Autorin Gertrud Leutenegger hinterlässt eine seltsame Liste
Überlieferte Schriftstücke geben machmal Rätsel auf. Erst recht, wenn sie nicht lesbar sind oder gar der Lesbarkeit entzogen werden.
Von Magnus Wieland
Vor uns liegt ein Blatt mit enigmatischen Schriftzeichen. Sie sehen ein wenig aus wie Hieroglyphen oder wie die unlesbare Keilschrift einer versunkenen Kultur. Es handelt sich aber um eine frühe Grafik der Künstlerin Ester Bättig. Eine reine Phantasieschrift, die es nicht gibt und die nichts bedeutet. Ein imitatorisches Spiel mit der Optik von Symbolen, rein kalligraphisch motiviert. Oder enthalten die Zeichen vielleicht doch eine verschlüsselte Botschaft?
Wenden wir das Blatt um, wird es zunächst nicht weniger rätselhaft. Ins Auge fallen die in Majuskeln geschriebenen Worte VORABEND, NINIVE, LEBEWOHL, GUTE REISE, GOUVERNEUR, KOMM INS SCHIFF, KONTINENT, MEDUSE. Eine Geheimbotschaft, eine Chiffre, ein Code? Von wegen.
Sachkundige der Schweizer Literatur erkennen darin sofort Buchtitel von Gertrud Leutenegger, der im vergangenen Jahr viel zu früh verstorbenen Schriftstellerin. Eine Werkliste also, aber eine der besonderen Art. Denn neben jedem Buchtitel vermerkt ist auch Ort und Umstand, der zur Vernichtung der Buchmanuskripte führte: entweder versenkt in einem See oder verbrannt, zum Beispiel «im Fasnachtsfeuer von Schwyz».
Wenden wir das Blatt nochmals um, dann entdecken wir links neben der Signatur der Künstlerin auch die Widmung: «für gertrud». Das Blatt gehörte demnach tatsächlich Gertrud Leutenegger und aus ihrer Hand stammt wohl auch die Liste auf der Rückseite. Wer im Dezember 2024 eine der letzten öffentlichen Auftritte der Autorin im Literarischen Club Zürich beiwohnte, wird sich erinnern, wie Leutenegger zur allgemeinen Verblüffung bekannte, sie habe lange Zeit keine Manuskripte aufbewahrt, im Gegenteil: sie alle einem Autodafé anheim gegeben. Doch weshalb?
Dass Autorinnen und Autoren ihre Papiere zerstören, gehört zwar nicht zur Tagesordnung, kommt entlang der Literaturgeschichte aber hin und wieder vor. So wollte der todkranke Vergil das Manuskript seiner «Aeneis» den Flammen übergeben, weil er es als unvollendet erachtete. Bekannt ist auch der Fall von Max Frisch, der nach dem Misserfolg seiner ersten Publikationen aus Frust alle Manuskripte im Wald anzündete.
Von einem solchen affektiven, gar aversiven Impuls kann bei Gertrud Leutenegger hingegen keine Rede sein. Dazu steht die Akkuratesse der Auflistung zu sehr in Kontrast mit dem radikalen Vorgang, der offenbar jeweils äusserst kontrolliert als eine Art Abschlussritual vorgenommen wurde, nachdem ein Buch erschienen war. Die Zerstörung markiert hier gerade das Momentum der Vollendung. Auch des Loslassens. Ein purgatorischer Akt, der zugleich reinigend wie vernichtend ist.
Ein solch konsequenter Final Cut passt zu einem dichten, hermetisch geschlossenen Werk wie demjenigen Gertrud Leuteneggers, das notwendiger Weise alle Schlacken seiner Genese abstreifen und tilgen muss, um für sich allein zu bestehen. Was bleibt, ist die Dokumentation eines Verlusts, ein Anti-Dokument, das Lesbarkeit ebenso dementiert wie die kryptischen Zeichen auf der Vorderseite des Blattes, das nun unerwartet ‹aufgetaucht› ist. Dass die im See versenkten Manuskripte jemals wieder auftauchen, ist hingegen eher unwahrscheinlich.
Gertrud Leutenegger (1948–2025) zählt zu den subtilsten Stimmen der Schweizer Literatur mit einer oft gelobten Sprachsensitivität. Seit ihrem Debüt «Vorabend» (1975) etablierte sie sich als freie Schriftstellerin und erhielt für ihr erzählerisches, dramatisches und lyrisches Werk zahlreiche Preise.
