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Diese Pionierin der Schweizer Frauenbewegung war modern – und traditionalistisch

Emma Pieczynska-Reichenbach (1854–1927), eine Vertreterin der ersten Frauenbewegung in der Schweiz, verfasste in den 1920er-Jahren mehrere Reden zum Thema der Mutterschaft. Deren Modernität, durchmischt mit Traditionalismus, überrascht heute und wirft Fragen auf.

Von Laurane Crettenand

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts trug Emma Pieczynska-Reichenbach zur Entstehung des Feminismus als politischer Kraft in der Schweiz bei. So war sie 1900 an der Gründung des Bunds Schweizerischer Frauenorganisationen (BSF) beteiligt. Anschliessend engagierte sie sich in der nationalen Bildungskommission des BSF und setzte sich für eine Bildungsreform ein, die sich auf die Rolle der Mütter bei der Ausbildung eines «patriotischen Empfindens» gründete. Zum Ende ihres Lebens vertiefte sie ihre Überlegungen zur Mutterschaft. Die Sammlung der Pionierin im Schweizerischen Literaturarchiv zeigt auf, wie sie diese verstand: als Handlungsraum, gesellschaftlichen Tätigkeitsbereich, Beruf für Frauen?

Pieczynska-Reichenbachs Schriften zur mütterlichen Erziehung stammen aus den Jahren 1922 bis 1926. Zu dieser Zeit würdigten mehrere europäische Länder den Einsatz der Frauen während des Ersten Weltkriegs, indem sie ihnen das Wahlrecht zugestanden. Die Schweizerinnen hingegen blieben vom Wahlrecht ausgeschlossen. Enttäuscht und ohne politische Stimme nutzten sie nun traditionelle Vorstellungen von der Pflicht der Frau, um ihrem Wunsch, im öffentlichen Leben mitzuwirken, weiterhin Ausdruck zu verleihen.

1923, während einer Tagung zur Kindheit und zur Vorbereitung auf die Mutterrolle, verknüpfte Pieczynska-Reichenbach in einer Rede die häusliche Rolle der Mütter mit einer sozialen: «Wenn es ein mütterliches Genie gibt, dann ist es nicht alltäglich, und für gewöhnlich muss man diese Gabe erst gelehrt bekommen haben, um sie dann weitergeben zu können.» Das Vorurteil wird umgekehrt und eine Ausbildung für Mütter gefordert. Diese darf jedoch nicht auf häusliches Wissen beschränkt bleiben, sondern muss auch auf eine moralische und intellektuelle Entwicklung abzielen – notwendige Voraussetzungen für den Erziehungsauftrag der Frauen. Ab hier ist Mutterschaft also nicht mehr nur ein biologischer Zustand, sondern wird zu einem gesellschaftlichen Tätigkeitsbereich.

In einer späteren Rede stellte Pieczynska-Reichenbach eine Parallele zwischen der Rolle der Erzieherin und der Mutter her: «Nur in den Lehrerseminaren, in denen die Lehrerinnen ausgebildet werden, wird Pädagogik behandelt und ihre Praxis vermittelt. Aber braucht man diese Wissenschaft und Kunst nur im Schulunterricht? Ist sie nicht vor allem oder erst recht in der Familie gefragt?» Sie verbindet Pädagogik mit elterlicher Verantwortung und bekräftigt, dass der Erziehungsauftrag bereits vor dem Schuleintritt beginnen würde. Gleichzeitig definiert sie die Begriffe «Erziehung» und «Bildung» neu, indem sie sie jeweils mit dem familiären und schulischen Bereich in Verbindung bringt.

Während diese dualistische Sichtweise der Geschlechter fast ein Jahrhundert später störend und altmodisch erscheinen mag, betonte Pieczynska-Reichenbach die Komplementarität der Geschlechter: Frauen und Männer besetzten in der Gesellschaft spezifische Handlungsfelder. Dennoch eröffnete ihre Argumentation einen für die damalige Zeit innovativen Ansatz, indem sie durch die Aufwertung der Erziehungsaufgaben der Frauen deren unsichtbare Arbeit würdigte. Heute finden ihre Thesen Widerhall in den Debatten über «Care-Arbeit» und deren wirtschaftliche und soziale Anerkennung innerhalb der Familie und des Staates.

Emma Pieczynska-Reichenbach (1854–1927) war Feministin, Pädagogin und Autorin, die sich für die Bildung von Frauen, die Koedukation, die Reform des nationalen Bildungswesens und eine auf Solidarität basierende Wirtschaft einsetzte. Ihre Begegnung mit Helene von Mülinen (1850–1924) war entscheidend: Als Lebens- und Kampfgefährtinnen gründeten und leiteten sie gemeinsam wichtige Organisationen der Schweizer Frauenbewegung. Pieczynska-Reichenbachs Nachlass – seit 1940 in der Handschriftenabteilung der Schweizerischen Landesbibliothek und eine wichtige Quelle für die politische Geschichte der Schweiz – wurde vom Literaturarchiv im Sommer 2025 detailliert erschlossen.