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Veröffentlicht am 4. August 2026

Der lange Weg zur «Moräne»

Elf Jahre rang Erika Burkart um ihren ersten Roman. Die Manuskripte im Schweizerischen Literaturarchiv machen diesen mühevollen Entstehungsprozess Seite für Seite sichtbar.

Von Joanna Nowotny

Die Manuskripte füllen mehrere Archivschachteln. Die Seiten sind dicht beschrieben, die Handschrift ordentlich – und doch kaum zu entziffern. Streichungen, Überklebungen und kryptische Randnotizen zeugen von einem unablässigen Ringen um den Text. Wer die Unterlagen zu Erika Burkarts erstem Roman «Moräne» (1970) im Schweizerischen Literaturarchiv durchblättert, verfolgt einen elfjährigen Schreibprozess, der die Autorin immer wieder an ihre Grenzen führte.

Begonnen hatte alles mit einem Auftrag. 1959 bot der Schriftsteller und Literaturvermittler Carl Seelig, bekannt besonders als Förderer und später Vormund von Robert Walser, der damals für ihre Gedichtbände gefeierten Erika Burkart eine monatliche finanzielle Unterstützung an. Burkart steckte in der dunkelsten Phase ihres Lebens: Nachdem ihre erste Ehe gescheitert war, verliess sie der deutlich jüngere Mann, in dessen Liebe sie ihre Zukunft gesehen hatte. In tiefer Traurigkeit zog Burkart sich in ihr einsames Elternhaus inmitten einer idyllischen Moorlandschaft zurück und haderte mit dem Leben und ihrem Schreiben. Seelig wollte ihre prekäre Lage verbessern und ihr aus der Krise helfen; künstlerische Arbeit galt ihm als bestes Heilmittel. So kam es, dass er Erika Burkart anregte, als Gegenleistung ein Buch in Prosa für junge Leserinnen und Leser zu verfassen. Burkart antwortete, sie könne sich eine Geschichte für «Kinder zwischen zehn und hundert Jahren» vorstellen, ganz im Geist von Antoine de Saint-Exupérys «Der kleine Prinz». «Exupéry: gut. Erika Burkart: besser», konterte Seelig in einem Brief.

Burkart, die das Schreiben für Kinder als noble und schwere Aufgabe empfand, nahm die Herausforderung an – und zerbrach fast an ihr. Im Briefwechsel mit Seelig ist immer wieder von Schreibschwierigkeiten und Burkarts Kampf um «gute, wahre, klare Sätze» die Rede: «An Ideen fehlt’s mir nie, nur manchmal an Kraft, eine Sache so darzustellen, dass sie leuchtet». Während Burkart Seelig Gedichte schickt, fehlen Textproben aus dem Prosaprojekt – vielleicht aus Angst vor seinem ehrlichen, manchmal auch kritischen Urteil. 1962 spricht Erika Burkart in einem Brief von einer «Reinschrift unseres Buches»; im Nachlass finden sich aber nur Ringhefte voller expressiv bearbeiteter Fassungen und Textbausteine.

Über die Jahre und besonders nach Seeligs Tod 1962 wandelt sich das Projekt grundlegend. Als «Moräne» 1970 erscheint, wird Seelig zwar im Klappentext erwähnt und ein Kapitel ist ihm gewidmet. Doch «Moräne» ist ein anderer Roman geworden. Die Befreiung von Seeligs ursprünglichem, wohlmeinendem Auftrag war nötig, damit Burkart das Buch vollenden konnte: In einer poetisch verdichteten Sprache erzählt Burkart über fast vierhundert Seiten die Geschichte einer tragisch verstrickten Geschwisterbeziehung, die in einem Inzest und der Tötung der Schwester gipfelt – ein Stoff, der den Rahmen eines Jugendbuchs längst sprengt. Schauplatz ist die titelgebende Moräne, das Geröll eines längst abgeschmolzenen Gletschers, auf dem das Haus der Geschwister steht, ganz ähnlich wie Burkarts Elternhaus, in dem sie fast ihr ganzes Leben verbrachte. Wie eine Moräne, die die Spuren eines verschwundenen Gletschers bewahrt, blieb auch der lange, in Teilen quälende Schreibprozess im Schweizerischen Literaturarchiv erhalten: Schicht um Schicht lagerten sich Entwürfe, Korrekturen und Neuanfänge ab, bis daraus Burkarts erster Roman entstand.

Erika Burkart (1922–2010) wurde als Tochter einer Lehrerin und eines Grosswildjlägers und Abenteurers in Aarau geboren. Sie publizierte zahlreiche Gedichtbände, die sich durch subtile, vieldeutige Naturbetrachtungen auszeichnen, sowie Romane und Prosaaufzeichnungen. 2005 erhielt sie als erste Frau den Grossen Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung für ihr Gesamtwerk.

Vom 2.10.2026–03.01.2027 präsentiert der Strauhof Zürich in Kooperation mit dem Schweizerischen Literaturarchiv die Ausstellung «Unlesbar», die auch Manuskripte von Burkarts «Moräne» zeigt.