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Jürg Laederachs Wortlisten – System im Sprachchaos

Im Nachlass des Basler Autors Jürg Laederach (1945-2018) fanden sich mit den Wortlisten Dokumente, die aufschlussreich für sein dichterisches Verfahren sind.

Von Patric Hediger

Beim Lesen der surrealistischen und experimentellen Texte des Basler Autors Jürg Laederach stellt sich schnell ein Gefühl der Orientierungslosigkeit ein. Figuren wandeln sich in Dinge und umgekehrt, Beziehungen zwischen Personen verändern sich radikal von einem Satz zum nächsten, und auch die Grenze zwischen Innen- und Aussenwelt wird ständig verwischt. Laederachs Werk verweigert sich dem Wunsch nach einfacher Orientierung in der Leseerfahrung. Daher ist es zunächst überraschend, dass er sich in der Poetikvorlesung «Der zweite Sinn» (1988) nicht nur als Liebhaber des Chaos, sondern auch als Systematiker bezeichnet.

Wortlisten als Spracharchitektur

Während sich Laederachs Prosatexte auf inhaltlicher Ebene mit Widersprüchen und Kehrtwenden dem Verständnis widersetzen, zeigen sie auf formaler Ebene Ordnungsstrukturen. Seine wendungsreiche Literatur vermeidet beispielsweise Wortwiederholungen in hohem Grade, lässt jedoch gerne gleiche Wortformen schnell aufeinander folgen (wie beispielsweise Wörter mit denselben Endungen).

Laederachs sprachliche Kompositionsweise belegen markante Dokumente in seinem Nachlass: Etwa hundert Blätter mit langen Reihen von Einzelwörtern tauchten auf. Mit diesen Wortlisten, die ironischerweise durch ihre inventarische Form nach Bürokratie riechen, beginnen Laederachs anarchische Schreibprojekte. Sie variieren bezüglich ihrer Form und ihrer Ordnungskriterien. So gibt es beispielsweise eine lange Liste mit Nomen für Dinge, welche sich in der Küche finden lassen, oder Listen mit Wörtern, die mit «vor-» beginnen oder mit «-tung» enden. Besonders eindrücklich sind Seiten, in denen grosse Mengen handgeschriebener Wörter sich wild um maschinengeschriebene, wohlgereihte Wortlisten drängen (Abb. 1). Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, dass auch die Ordnungskriterien der Liste sich wieder auflösen in einem assoziativen Sprachrausch, der die Blätt

Formstrenge und spielerische Experimentierlust

Laederach war auch ein leidenschaftlicher Jazz-Musiker und -liebhaber. (Abb. 2) Als Musikkritiker hat er im Feuilleton zahlreiche Beiträge zu Jazz und klassischer Musik verfasst. Sein Mail-Austausch mit dem Schriftstellerkollegen Michel Mettler verbindet Sprach- und Musikbegeisterung («Depeschen nach Mailland», 2009). Laederachs Schreiben ist generell von dieser rauschhaften Musikalität geprägt, die der Form und dem Klang von Sprache einen höheren Stellenwert als dem Wortsinn beimisst. In «69 Arten den Blues zu spielen» (1984) wählt er serielle Ordnungsprinzipien des Jazz als Kompositionsform. Darin ist grundsätzlich jeder einzelne Absatz nummeriert und damit auf seine Position im Gesamtkonstrukt fixiert. Es ist, als ob der Sprachbesessene seine Wörterfluten mit Systematik und Ordnung kanalisieren musste, nur um diese Ordnungskriterien gleich wieder assoziativ ausfransen und wuchern zu lassen.

Der Schriftsteller Jürg Laederach (1945–2018), geboren und gestorben in Basel, wohnte zeitweise in Paris, Berlin, New York, Rom und Graz. Er zählte zu den grossen Avantgardisten der deutschsprachigen Literatur und hat zwischen 1974 und 2011 über dreissig Werke veröffentlicht: Romane, Erzählungen, Essays, Theaterstücke und Hörspiele. Hinzu kommen über zwanzig literarische Übersetzungen aus dem Englischen und dem Französischen. Auch als Literatur- und Jazzkritiker war Laederach tätig.