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Ostern

Schliessung

Aktualisiert am 31. März 2026

Die Schweizerische Nationalbibliothek bleibt von Karfreitag, 3. April, bis und mit Ostermontag, 6. April 2026, geschlossen.

Die geistigen «Seifenblasen» des Philosophen von Bümpliz

Ein bislang unbekanntes Porträt und Betrachtungen in Form von «Seifenblasen» – 66 Jahre nach C. A. Looslis Tod taucht im Nachlass des jüdischen Gelehrten Jonas Fränkel Neues und verschollen Geglaubtes auf.

Von Felicitas Pfister

Die grossformatige Fotografie zeigt C. A. Loosli mit leicht zerzaustem Haar, einer lässig im Mundwinkel hängenden Zigarette und angedeutetem, verschmitztem Lächeln. Unter dem Foto steht eine Widmung für seinen Freund Jonas Fränkel, dem Loosli das Porträt geschenkt hat: «en attendant mieux, mein Konterfei aus jenen Tagen, wo ich noch jung und schön war». Das bisher unbekannte Bild von C. A. Loosli ist Zeuge einer Freundschaft zwischen zwei Aussenseitern im Schweizer Literaturbetrieb, die sich 1905 auf Schloss Bümpliz bei Albert Benteli, dem Herausgeber des «Berner Boten», kennengelernt haben. Fränkels Rezension von Looslis Sammelband «Bümpliz und die Welt» ein Jahr später wird Loosli seinen Übernamen als «Philosoph von Bümpliz» einbringen, unter dem er lange Zeit bekannt ist.

Von 1905 bis zu Looslis Tod 1959 gehen zwischen Loosli und Fränkel gut 3000 Briefe hin und her, die die jeweiligen Brennpunkte des Arbeits- und Privatlebens sowie des Zeitgeschehens thematisieren. Am 25. Februar 1944 teilt Loosli Fränkel mit, er schreibe «emsig an einem recht willkürlichen Buche», das er «Seifenblasen» nennt. Es enthalte «alle möglichen Einfälle, Betrachtungen, Bekenntnisse und Lebenserinnerungen».

Besagte Briefstelle bleibt für sehr lange Zeit das einzige Zeugnis dieses unpublizierten Schreibprojekts von Loosli. Denn als Looslis Nachlass nach dessen Tod 1959 über mehrere Umwege in die Handschriftenabteilung der damaligen Schweizerischen Landesbibliothek gelangt, fehlt von den «Seifenblasen» jede Spur. Erst als 2021 der Nachlass von Jonas Fränkel nach langer Zeit in familiärer Obhut dem Schweizerischen Literaturarchiv übergeben wird, taucht auch eine Mappe mit der Bezeichnung «Seifenblasen» auf – in einer Beilage zu Looslis Testament, in dem er der Familie Fränkel seine Korrespondenz mit Carl Spitteler, seine «Spitteleriana» und «Fränkeliana» vermacht hat.

Sorgfältig mit dem Porträt von Loosli verpackt, befinden sich zwischen zwei Kartondeckeln Looslis «Seifenblasen». Es sind 42 längere oder kürzere, essayistische und persönliche Ausführungen zu Themen, «die meinem Gedächtnis gerade gegenwärtig sind, oder die mich immer wieder aufs Neue beschäftigen», wie Loosli darin schreibt.

Auf der Schreibmaschine getippt und mit handschriftlichen Korrekturen versehen, schreibt Loosli etwa über das Frauenstimmrecht, «Kulturbolschewismus», die Berner Höflichkeit oder Sozialreformen. In einer Rückschau tauchen Themen auf, die Loosli zeitlebens beschäftigt haben und denen er sich nun noch einmal «rückwärts träumend» und philosophierend annähert. Immer wieder sind die Texte mit biografischen Anekdoten gespickt, so dass sie sich nicht nur als Werkkommentar, sondern auch als Versuch einer Lebensrückschau lesen lassen.

So lustvoll, wie Looslis Briefe an seinen Freund Jonas Fränkel sich ausnehmen, so genussvoll schreibt Loosli seine «Seifenblasen», «die da anwachsen, schweben, schillern», im Wissen darum, «dass jede platzt, nach kurzem Schweben, kurzem Glanz!» Looslis «Seifenblasen» bleiben zeitlebens unpubliziert, lediglich eine «Bereicherung meines Nachlasses», wie Loosli an Fränkel schreibt. Nun, nach über 60 Jahren Ruhezeit, warten sie darauf, in die Lüfte aufzusteigen.

C. A. Loosli (1877–1959)
Der Berner Autor und Publizist ist heute am ehesten noch für seine Texte in schweizerdeutscher Sprache (z.B. «Mys Ämmital») bekannt. Er schrieb jedoch zeitlebens auch gegen gesellschaftliche und politische Unrechtmässigkeiten an und war Experte für Ferdinand Hodler.

Jonas Fränkel (1879–1965)
Der jüdische Editionsphilologe aus Krakau lehrte als ausserordentlicher Professor an der Universität Bern und machte sich um die Werke von Carl Spitteler und Gottfried Keller verdient. Im Schweizer Literaturbetrieb blieb er jedoch, ähnlich wie C. A. Loosli, ein Ausgestossener und Ausgegrenzter.