Flucht, Fremdenlegion, Fiktion: Die vielen Leben des Albert Hochheimer
Als Schriftsteller ist der Deutsche Albert Hochheimer (1900–1976) praktisch vergessen. Ein Dokument aus dem Schweizerischen Literaturarchiv belegt nun seine wechselvolle Fluchtgeschichte.
Von Julie Dietsche
Der Nachlass von Albert Hochheimer ist geprägt von Dokumenten aus der Zeit seines Exils. Die acht Archivschachteln werden seit 2024 im Schweizerischen Literaturarchiv aufbewahrt und wurden kürzlich erschlossen. Die erhaltenen Lebensdokumenten sind überwiegend Zeugnisse des Exils. Über den in Vergessenheit geratenen Schriftsteller ist nur wenig bekannt – umso bedeutsamer ist ein Fund, der sich erst bei genauerer Auseinandersetzung mit den Archivalien offenbarte: eine gefälschte französische Identitätskarte.

Dass es sich um eine Fälschung handelt, lässt sich aus dem Bestand selbst nur indirekt erschliessen. In seinem autobiografischen Bericht «Unruhige Jahre. Episoden aus meinem Leben» (1972) erwähnt er dies im Zusammenhang mit einem Verhör in einem Flüchtlingslager: «‹Wie lange gedenken Sie in der Schweiz zu bleiben?›, fragte er und hielt meine französische Carte d’identité, die übrigens gefälscht war, in der Hand, als wolle er sie mir zurückgeben.»
Interessanterweise wurden auf dem Ausweis nur einige Angaben zur Person bearbeitet. Der Nachname wurde zu «Hurry» geändert, als habe sich die Erfahrung der von Hast und Rastlosigkeit geprägten Flucht in seine Identität eingeschrieben! Auch die Namen der Eltern und der Beruf wurden verändert. Auf dem Ausweis erscheint er als «comptable» (Buchhalter), während er zuvor als Lederwarenfabrikant tätig war. Vornamen und Geburtsdatum behielt er hingegen bei. Der gebürtige Westfale gibt sich hier als französischer Staatsbürger aus Strassburg aus. Doch warum war diese falsche Identität notwendig?
Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs floh Hochheimer aufgrund seiner jüdischen Abstammung mit seiner ersten Frau Hélène und seiner Tochter Erika nach Frankreich. Ende 1939 trat er freiwillig der Fremdenlegion bei und wurde dem 2e régiment étranger d'infanterie zugeteilt, mit dem er nach Algerien und Marokko kam. Aus dieser Zeit sind mehrere militärische Dokumente erhalten, darunter sein Livret individuel, eine Art militärische Identitätskarte. Bereits nach einem Jahr wurde er demobilisiert und kehrte nach Frankreich zurück.
Im September 1942 floh er in die Schweiz, nachdem ihn die Gestapo gesucht hatte. Zu diesem Zeitpunkt war die Grenze für Flüchtlinge «nur aus Rassegründen» geschlossen, weshalb ein gefälschter Ausweis zur Voraussetzung der Flucht wurde. Wie genau er ihn erhielt oder wie die Flucht verlief, lässt sich aus dem Nachlass nicht erschliessen. Die angenommene Identität scheint nur von kurzer Dauer gewesen zu sein. Bereits ein Jahr später wird er in einer Bestätigung des Internierungslagers Büren an der Aare sowie in seinem Schweizer Flüchtlingsausweis wieder als Albert Hochheimer geführt.
Seine schriftstellerische Karriere begann erst einige Jahre nach dem Krieg. Bekannt wurde er vor allem für seine Abenteuergeschichten, von denen viele in der arabischen Welt spielen und den Einfluss seiner Erfahrungen in der Fremdenlegion erahnen lassen. Auch in «Unruhige Jahre» verarbeitet Hochheimer diese Erlebnisse indirekt: Er lässt eine Figur namens Lazare Germain von seiner Dienstzeit erzählen und tritt selbst nur als desinteressierter Zuhörer auf.
Albert Hochheimer (1900–1976) wuchs in Steinheim auf. Er floh zur Zeit des Nationalsozialismus nach Frankreich und schliesslich in die Schweiz. Ab 1948 war er Schriftsteller und lebte bis zu seinem Tod im Tessin. Er verfasste rund 50 Bücher, darunter vor allem historische und Abenteuerromane.