Eine Liste von Allem
Seit einem Vierteljahrhundert schreibt der Berner Autor Franz Dodel am längsten Gedicht der Welt. Seine Faszination für unlesbare Schriften reicht noch weiter zurück.
Von Lucas Marco Gisi
Der Schluss von Franz Dodels Endlos-Gedicht «Nicht bei Trost» lautete vor ein paar Tagen: «wie / der Holzwurm sich still / durch seine dunkle Welt bohrt / so ähnlich treibe / ich diesen Text vor mir her». Mit diesem Vergleich rekapituliert der Gesehenes und Gelesenes verwertende Autor nach 57’430 Zeilen die Entstehung seines ebenso eigensinnigen wie einzigartigen Textes. Im Internet lässt sich fast in Echtzeit mitverfolgen, wie er seit 2002 täglich an seiner «Liste von Allem» weiterschreibt und wie eines der längsten bekannten Gedichte überhaupt entsteht.
Phantasieschriften
Das vom Haiku inspirierte Kettengedicht ist zu einem eigentlichen «Lebenswerk» geworden und hat inzwischen auch das Archiv des Autors überwuchert, in dem die unzähligen Anregungen durch andere Texte, Zitate und Bilder dokumentiert sind. Darunter verbarg sich ein bisher unentdeckter Schatz, der durch die Übergabe des Archivs 2024 an das Schweizerische Literaturarchiv zutage getreten ist. In einer mit marmoriertem Papier bezogenen Mappe mit dem Titel «kalligraphische Schreibübungen / 1984» sind über 350 mit schwarzer Tusche flächig bemalte Blätter abgelegt, die nie publiziert worden sind. Inspiriert durch die surrealistische Technik der «écriture automatique» und asiatische Traditionen der Kalligrafie hat Dodel ein Jahr lang täglich ein Blatt mit verschiedensten kleineren und grösseren Schriftzeichen in den unterschiedlichsten Anordnungen geschaffen. In einem Zug erfindet er Fantasieschriften und zeichnet existierende Zeichensysteme nach. Die meisten Blätter zeigen regelmäßige Muster. Bei einigen gerät die Ordnung hingegen in Bewegung, beispielsweise, wenn die Zeichen von einem Zentrum angezogen werden. Dodels Variationen unlesbarer Schriften lassen sich als Vorläufer einer breiten internationalen Bewegung innerhalb der Kunst zuordnen, die sich seit Ende der 1990er Jahre unter dem Begriff «asemic writing» ausgebildet hat.
Unlesbares lesen
Auch ein nicht endender Text wird praktisch unlesbar. Im Fall des Langedichts «Nicht bei Trost», das in bibliophil gestalteten Dünndruckbänden à 6000 Zeilen bzw. rund 600 Seiten mit Illustrationen und Anmerkungen gedruckt erscheint, ist die Lesbarkeit zunächst bloss eine Zeitfrage. Allerdings geht der Überblick bei einem nicht durch Zwischentitel oder Kapitel strukturierten, endlos fortschreitenden Text zunehmend verloren, wie der Autor selbst sagt. Damit sein Text lesbar bleibt, hat sich Franz Dodel drei Lektüremethoden ausgedacht. Zunächst müsste man sich von einem linearen Lesen verabschieden, irgendwo beginnen und sich «quer» durch das Textgewebe bewegen. Bei der Gestaltung könnte man wiederum die Tausenden von Zeilen zu «einer einzigen, einsamen und tiefschwarzen Zeile» zusammenziehen. Damit würde der Text zwar in einem Augenblick wahrnehmbar, aber zugleich vollkommen unlesbar. Bliebe schliesslich die Möglichkeit einer kollektiven simultanen Lesung. Jede Zeile würde von einer Person gleichzeitig vorgelesen und der gesamte Text wäre in drei bis vier Sekunden rezitiert, stellt sich Dodel vor. Dass sich der Text damit selbst auslöscht und zurücknimmt, wäre dann der bescheidene Abschluss eines Werks, das mit dem umfassenden Anspruch, alles zu sagen, begonnen wurde. Es ist somit an uns Lesenden auszuprobieren, ob das funktioniert.
Franz Dodel, geboren 1949 in Bern, lebt als freier Autor in Boll und Lugnorre. Seit 2002 arbeitet der promovierte Theologe an dem Endlos-Poem «Nicht bei Trost», das online sowie in bisher 8 Bänden (Edition Korrespondenzen) erschienen ist und mit verschiedenen Auszeichnungen bedacht wurde.
