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Pfingsten

Schliessung

Aktualisiert am 5. Mai 2026

Die Schweizerische Nationalbibliothek bleibt Pfingstmontag, 25. Mai 2026 geschlossen.

Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild

501 Portraits, 4 Werkgruppen, 50 Serien, 30 Jahre: Zahlen, die für ein langjähriges Fotoprojekt und ein opulentes Mappenwerk stehen. Das Projekt des Fotografen Christian Scholz (*1951) mit Menschendarstellungen aus dessen Wahlheimat Schweiz findet 2020 seinen vorläufigen Abschluss. Die limitierte Edition «501 – Portraitwerk Schweiz. Ein künstlerisches Programm» wird der Schweizerischen Nationalbibliothek 2026 als Schenkung übergeben. Eine Annäherung an Werk und Künstler anhand von drei ausgewählten Portraits.

Von Kathrin Gurtner

Die 15 Portfolios des Gesamtwerkes in geschlossenem Zustand.

Ausgehend von Gertrude Steins berühmter Textzeile «a rose is a rose is a rose» formuliert Christian Scholz seinen künstlerischen Leitsatz: «Ein Bild ist ein Bild ist ein Bild.» (in: Scholz, Christian, 2018, S. 21) Dieser Leitsatz ist ihm insofern Programm, als er die Eigenständigkeit des Bildes und dessen unmittelbare Wirkung ins Zentrum rückt. Denn Scholz verändert seine Fotografien weder durch Nachbearbeitung noch durch Zuschnitt. Beim «Portraitwerk Schweiz» geht es ihm in erster Linie nicht darum, einen Bildatlas nationaler Identität zu schaffen. Ihn interessiert vielmehr das Projekt als langfristig angelegtes, und, worauf der Titel zielt, als «künstlerisches Programm».

«In absoluter Naturtreue ein Zeitbild unserer Zeit geben» (August Sander, 1927)

Mit seinem «fast enzyklopädisch anmutenden Gesamtvorhaben» (Zitat von Roger Fayet, Direktor SIK-ISEA, Zürich), das sich über drei Jahrzehnte von 1990 bis 2020 erstreckt, verortet sich Scholz in der Tradition der grossen Portraitwerke der Fotogeschichte, allen voran dem epochemachenden Fotoprojekt «Menschen des 20. Jahrhunderts» von August Sander (1876 –1964). Dieser schuf mit Fotografien von Menschen aus allen Gesellschaftsschichten ein Bild seiner Zeit und zwar «in absoluter Naturtreue». Die Fotografien ordnete er thematisch in Mappen und Werkgruppen.

Die konzeptionelle Ähnlichkeit sticht sofort ins Auge. Scholz’ Edition umfasst 501 Portraits, die auch er in Werkgruppen und Serien einteilt. Im Zentrum steht der Anspruch, Persönlichkeiten möglichst unverfälscht und in ihrem individuellen Ausdruck zu zeigen. Scholz fotografiert in Schwarz-Weiss. Mit dem subtilen Einsatz von Licht und Schatten gelingt ihm eine einfühlsame Annäherung an die Portraitierten.

Portrait von Tatyana Franck, der Direktorin des Musée cantonal de la photographie in Lausanne von 2015 bis 2022, aus dem Jahr 2020

Tatyana Franck im Rückenportrait

Diese Subtilität zeigt sich exemplarisch am Bild von Tatyana Franck. Die Aufnahme besticht durch eine ruhige Intensität. Die leicht abgedrehte Haltung von Körper und Gesicht verleiht dem Bild einen geheimnisvollen Ausdruck. Dies gelingt vor allem deshalb, weil Christian Scholz mit einer Analogkamera ohne Stativ arbeitet, was ihm erlaubt, beim Fotografieren mit der porträtierten Person in unmittelbaren Kontakt zu treten.

Der Bildraum ist zwar eng gefasst, doch das Spiel mit Schärfe und Unschärfe sowie der Übergang vom Licht ins Dunkle geben dem Bild eine beträchtliche Tiefenwirkung. Licht ist für Christian Scholz ein wichtiges Gestaltungsmittel. Dank spezieller Objektive kann er auch bei prekären Lichtverhältnissen ohne Kunstlicht fotografieren. Seine Portraits wirken darum natürlich und erhalten eine Qualität, die an Portraitmalerei erinnert.

Portrait von Doris Leuthard, schweizerische Bundesrätin von 2006-2018, aus dem Jahr 2019

Doris Leuthard und «Das Lachen der Frauen»

Beim Portrait von Doris Leuthard ist der Bildraum grosszügig gefasst und mehrheitlich in Schwarz gehalten. Nur Gesicht und Hals sowie zwei lichte Partien im Hintergrund treten hell aus dem Dunkeln hervor. Wiederum wird die Tiefenwirkung vermittels scharfer Konturen im Vordergrund und Unschärfe im Hintergrund verstärkt.

Die Aufnahme zeigt Doris Leuthard in einer gelösten Atmosphäre. Sie wirft den Kopf in den Nacken und lacht, die Augen sind geschlossen. Die einem Schnappschuss ähnelnde Aufnahme, die ungewöhnliche Perspektive und der Moment des Lachens verleihen dem Bild eine starke Dynamik. Verstärkt wird diese durch die hellen vertikalen Partien im Hintergrund, die aufgrund ihrer statischen Ausrichtung die Bewegung visuell kontrastieren.

Porträt des Bildhauers Hans Josephson aus dem Jahr 2004

Antlitz und Hand von Hans Josephson

Mit der Serie «Antlitz und Hand» bezieht sich Christian Scholz gleich zweifach auf August Sander. Einerseits mit einem Zitat des Werktitels «Antlitz der Zeit. 60 Aufnahmen deutscher Menschen des 20. Jahrhunderts» (1929), andererseits, indem er eine gestalterische Verwandtschaft herstellt und – wie Sander – die Hand als wesentliches Element der Bildkomposition betont.

Im Portrait von Hans Josephson ist die Hand hell beleuchtet und scharf konturiert im Vordergrund platziert. Das Gesicht rückt in den Hintergrund, ist unscharf und teilweise beschnitten. In der Bildmitte schwebt Zigarrenrauch, der effektvoll den Übergang vom Vorder- zum Hintergrund markiert. Indem Scholz Josephson, der zeitlebens mit rauen, schweren Bronzeskulpturen arbeitete, hinter hellem Rauch portraitiert, erzeugt er ein interessantes Spannungsfeld zwischen Flüchtigkeit und Materialität.

Christian Scholz wird 1951 in Stockholm geboren. 1977 schliesst er sein Studium der Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin mit Auszeichnung ab. Im Jahr 2014 wird er Schweizer Bürger. Er lebt und arbeitet seit 1985 in Zürich. Im Bereich der analogen Fotografie ist er Autodidakt. Seine Bildwerke sind in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten, darunter im Photo Elysée Lausanne, im Kunsthaus Zürich, im MASI Lugano, in der National Portrait Gallery London und vielen mehr. Seine Fotoarbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland gezeigt.

Literatur und Quellen

Schweizerische Nationalbibliothek

Graphische Sammlung
Hallwylstrasse 15
3003 Bern