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Lesesaal

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Aktualisiert am 25. Aug. 2026

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Veröffentlicht am 2. September 2026

Denkmal «In Gefahr?» – Entschlackung auf Rigi-Kulm

Die Geschichte der Rigi ist eine Geschichte der Superlative: Hier entstand das erste Berghotel der Schweiz. Der Ingenieur Niklaus Riggenbach schrieb Technikgeschichte mit dem Bau der ersten Zahnradbahn Europas. Und kein Geringerer als der Architekt Horace Edouard Davinet errichtete auf Rigi-Kulm eines der eindrucksvollsten Hotels der Alpen. Aber hier ereignete sich auch ein bemerkenswerter Abbruch eines Baudenkmals, an dem sich exemplarisch ablesen lässt, wie historische Bausubstanz durch Wertewandel bedroht sein kann.

Von Kathrin Gurtner

Panoramaaufnahme der Gebrüder Wehrli von 1905. Blick von Rigi Rotstock auf Rigi Staffel und Kulm und auf die Glarner und Urner Alpen.

Königin dank Fehlinterpretation

Die etymologische Fehldeutung, dass sich der Name Rigi vom lateinischen «Regina», statt vom althochdeutschen, auf die geologische Struktur verweisenden «Rigina» (Schichten) ableite, hält sich hartnäckig. Bis heute geniesst die Rigi als «Königin der Berge» Bekanntheit.

In Bezug auf den um 1880 entstehenden Massentourismus spielte sie eine wichtige Rolle. Der Bau der drei Rigi-Bahnen in den Jahren zwischen 1871 und 1875 ermöglichte einer breiten Bevölkerungsschicht ein gefahrenfreies und euphorisierendes Bergerlebnis.

Niklaus Riggenbach und seine technische Meisterleistung

Brustbild von Niklaus Riggenbach (1817-1899), im Hintergrund ist klein die von ihm erbaute Vitznau-Rigi-Bahn zu sehen (Holzstich von Emil Zbinden,1938)

Unter den Projektvorschlägen für die erste Rigi-Bahn gab es innovative Ideen wie etwa eine Luftballonbahn, eine futuristische Einschienenbahn oder Wagen, die mit Druckluft durch Röhren in die Höhe geschoben werden sollten. Zur Ausführung gelangte jedoch Niklaus Riggenbachs geniale Zahnradbahn.

Riggenbach (1817-1899), international anerkannter Lokomotivkonstrukteur, Wagen- und Brückenbauer, entwickelte ein System, bei dem ein Zahnrad der Lokomotive in eine zwischen den Schienen liegende Zahnstange eingreift. Dieses Prinzip erlaubte es, Steigungen von weit über 20% zu bewältigen. Mit der Inbetriebnahme der ersten Zahnradbahn Europas an seinem Geburtstag, dem 21. Mai 1871, gönnte er sich ein besonderes Geschenk.

Nicht nur die technische Pioniertat Riggenbachs begeisterte, sondern auch die landschaftliche Schönheit der Bahnstrecke. Insbesondere der Streckenabschnitt über die Schnurtobelbrücke, von der aus sich spektakuläre Ausblicke auf den Vierwaldstättersee bieten, tauchte danach als Sujet in zahlreichen Ansichten und Fotografien auf.

Aquatinta von Johann Rudolf Dikenmann, Zürich, um 1875, auf der die Rigi-Bahn auf der Schnurtobelbrücke zu sehen ist, im Hintergrund der Vierwaldstättersee und die angrenzenden Berge.

Das Grand Hotel Schreiber

In der Blütezeit der Rigi, der so genannten Belle Epoque zwischen 1880 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, setzte aufgrund des Touristenandrangs eine intensive Hotelbautätigkeit ein. Auf dem Gipfel, Rigi-Kulm, wurde 1875 das von Horace Edouard Davinet (1839-1922) errichtete Grand Hotel Schreiber eröffnet. Ein Prachtbau, der die beiden älteren, bescheideneren Hotelgebäude durch ein vielfältiges Zimmer- und Raumangebot ergänzte.

Das palastartige Grand Hotel Schreiber, Gesamtansicht aufgenommen von unterhalb des Hotels (Fotografie von Artur Wehrli, Gebrüder Wehrli AG, 1910)

Davinet hatte sich als einer der meistgefragten Hotelarchitekten profiliert. Die Grandeur seiner Hotels widerspiegelte den Zeitgeist, der den Stolz über technische Errungenschaften mit dem Streben nach Komfort und Naturerlebnis zu verbinden versuchte.

Davinet gelang es, topografische Gegebenheiten für seine Bauprojekte vorteilhaft zu nutzen. Beim Grand Hotel Schreiber im Stil des Historismus arbeitete er mit einem doppelt abgewinkelten symmetrischen Grundriss mit hexagonalem Mittelteil. Die Winkelform ermöglichte die Anpassung ans Terrain und gleichzeitig die Hinwendung zur Landschaft. Die Fassade war geprägt von einem trutzigen Sockelgeschoss, pilastergesäumten Ecktürmen, hohen giebelbekrönten Fenstern und Balkonen.

Gefahr aus den «eigenen Reihen»

Nach der Jahrhundertwende meldeten sich erste kritische Stimmen gegenüber dem boomenden Tourismus und den damit verbundenen baulichen Auswirkungen. Bereits im ersten Jahr seiner Existenz richtete der 1905 gegründete Schweizer Heimatschutz seinen Blick prüfend auf den Hotel- und Bergbahnbau. Die noch vor Kurzem voller Stolz beworbenen palastartigen Hotelbauten der Belle Epoque wurden nun als Symbol einer überholten Ordnung angesehen. Die historisierende Architektursprache war verpönt und wurde als «Epoque banale» abgekanzelt.

Auf der Rigi setzte der Schweizer Heimatschutz nach dem 2. Weltkrieg auf unzimperliche Art und Weise eine Kehrtwende durch und verordnete dem Gipfel eine architektonische Entschlackungskur. 1951 organisierte er in der Art eines frühen «crowd-fundings» eine Schokotaler-Verkaufsaktion und wählte als «Talerobjekt» die Rigi-Kulm. Ziel der Geldsammlung war aber nicht etwa die Erhaltung der historischen Bausubstanz, sondern der Abbruch des aus der Belle Epoque stammenden Gebäudes und auch aller anderen Hotels, Nebengebäude und Verkaufsstände.

Flugaufnahme von Rigi-Kulm mit dem noch halb erhaltenen Grand Hotel Schreiber auf der rechten Seite und dem neuen Berghotel auf der linken Seite, darum herum diverse Baupisten und Materialdepots (Foto von Paul Zaugg, Solothurn, um 1952).

Beim Grand Hotel Schreiber wurde ein Teilabbruch erwogen, aber die Befürworter eines Gesamtabbruchs setzten sich durch. So ging eines der beeindruckendsten Hotels der Schweizer Alpen auf Druck eines Vereins verloren, von dem man aus heutiger Sicht das Gegenteil erwartet hätte. Dafür entstand ein Hotelneubau in klaren Formen, der in seiner Bescheidenheit Hospizbauten nachempfunden war.

Erst 1974 vollzog sich ein neuerlicher Wertewandel. Im Rahmen der Kampagne der Genfer Sektion des Schweizer Heimatschutzes gegen den Abbruch des Hotels Métropole wurden Hotelbauten aus dem 19. Jahrhundert nunmehr als Zeitzeugen anerkannt und als erhaltenswürdig bezeichnet.

Bibliografie und Quellen