Auf der Suche nach neuen touristischen Ufern
Dampfschiffe und Eisenbahnen ermöglichten im 19. Jahrhundert schnelles und bequemes Reisen. Als moderne Massenverkehrsmittel verbanden sie nicht nur Städte, sondern förderten auch den Tourismus in zuvor abgelegene Gebiete. Diese Entwicklung wurde durch den Ausbau weiterer Verkehrsnetze noch verstärkt. Exemplarisch zeigt sich dies an der Dampfschifffahrt auf dem Thuner- und Brienzersee, wo die Schifffahrt lange Zeit für ein wichtiges Verkehrsmittel blieb.
Die «Entdeckung» des Berner Oberlands
Das Berner Oberland war bereits früh für seine landschaftliche Schönheit bekannt. Dies unter anderem dank Albrecht von Hallers Gedicht «Die Alpen» (1729) oder etwa durch frühe Reiseführer von und für Angehörige der Oberschicht (in erster Linie Männer), welche über genügend Zeit und Geld verfügten, die Bergwelt zu erkunden und ihre Erlebnisse zu publizieren.
Ausgebaute Strassenverbindungen zwischen den Städten sowie ein neues System von häufigen Pferdewechseln ermöglichten es Reisenden zu Beginn des 19. Jahrhunderts, mittels sogenannter Eilpostverbindungen deutlich schneller zu reisen. Beispielsweise war es nun möglich, innerhalb eines Tages (statt in drei Tagen) von Genf nach Bern zu gelangen.
Dampfschiffe fördern den Tourismus
Der Betrieb von hölzernen und später eisernen Dampfschiffen auf den grossen Schweizer Seen brachte ab 1823 deutlich mehr Reisende ins Land, besonders in die Berggebiete des Berner Oberlands. Diese waren schon früher am bequemsten über den Thuner- und Brienzersee zu erreichen gewesen. Schneller und noch bequemer als mit Segelschiffen und Ruderbooten ging es natürlich mit dem Dampfschiff!
Im Jahr 1835 verkehrte das erste Dampfschiff auf dem Thunersee, 1839 folgte das zweite auf dem Brienzersee. Initiatoren waren Unternehmer aus dem Gastgewerbe und der Hotellerie, die ein grosses Interesse am wachsenden Tourismus hatten.

… Eisenbahnen aber auch
Der Tourismus im Berner Oberland erhielt einen zusätzlichen Schub als Bern (1857/58) und Thun (1859) an das internationale Eisenbahnnetz angeschlossen wurden. Dadurch stieg die Zahl der Schiffspassagiere bis 1861 von rund 80'000 auf 130'000 an. Gleichzeitig baute der Kanton Bern die Hauptstrassen im Oberland weiter aus, was den Tourismus auch in den Tälern förderte.
Bereits 1844 – also vor der Anbindung an die Eisenbahn – riet Karl Baedeker (1801-1859) in seinem Reiseführer für die Schweiz seinen Leserinnen und Lesern, das Berner Oberland in drei Tagen zu bereisen, falls sie nicht viel Zeit hätten: Bern Grindelwald, Grindelwald-Meiringen sowie Meiringen-Brienz Bern.
Das Berner Oberland in einem Tag (!)
Genau wie heutige Reiseführer skizzierte Baedeker für ganz Eilige einen Tagesausflug mit Highlights des Berner Oberlands: Beginn in Bern nach Thun per Eilwagen um 5 Uhr (Dauer drei Stunden), im Anschluss Dampfschifffahrt (!) nach Neuhaus (Gemeinde Interlaken) um 9 Uhr (Dauer 1,5 Stunden) und von da über Unterseen nach Lauterbrunnen, um die Staubbachfälle zu sehen.
Das Mittagessen war für die Touristinnen und Touristen in Interlaken vorgesehen. Damit sie gemäss Baedekers Vorschlag um 21 Uhr wieder in Bern eintrafen, sollten die Reisenden in Neuhaus um 15.30 Uhr das Dampfschiff und um 18 Uhr den Eilwagen nach Bern nehmen.
Mehr Tourismus durch Ausbau des Verkehrsnetzes
Bis 1912 wuchs die Flotte stetig auf acht Schiffe auf dem Thuner- und vier auf dem Brienzersee, betrieben seit 1869 von der «Vereinigten Dampfschifffahrt-Gesellschaft für den Thuner- und Brienzersee» (1912 von der BLS übernommen). In dieser Zeit stieg die Anzahl Passagiere von ca. 25'000 auf sagenhafte 1'232'000 an.

Dieses Wachstum stand in direktem Zusammenhang mit dem erheblichen Ausbau des Verkehrsnetzes (Eisen-, Berg- und Zahnradbahnen), wobei die Dampfschifffahrt nach wie vor eine zentrale Rolle für den Tourismus im Berner Oberland spielte. Dies wird anschaulich in einer Broschüre aus dem Jahr 1908 dargestellt, die auf der Vorderseite eine Karte mit den Dampfschifffahrtsrouten zeigt. Auf der Rückseite befinden sich die Fahrpläne der verbundenen Bahnen (sogar inklusive der Schifffahrten des Vierwaldstättersees).
Literatur und Quellen
- Daniel Vischer. Schiffe, Flösse und Schwemmholz : unterwegs auf Schweizer Gewässern : eine Technikgeschichte. Baden: Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte, 2015
- Die Geschichte der BLS Schifffahrt auf der Website der BLS (zuletzt abgerufen am 06.02.2026
- Durch die NB gesammelte Unterlagen der «Vereinigten Dampfschifffahrt-Gesellschaft für den Thuner- und Brienzersee» im Online-Katalog der NB unter der Signatur V 4344
- Hans-Ulrich Schiedt, Schifffahrt. In: Historisches Lexikon der Schweiz, Online-Ausgabe (Stand 2012)
- Hans-Ulrich Schiedt. Zu Fuss, mit Pferd oder Schiff : Verkehr und Tourismus im Berner Oberland vor der Eisenbahn. In: Berner Zeitschrift für Geschichte, 2019, Nr. 3, S. 63-84
- Jürg Meister, Erich Liechti. Die Geschichte der Schifffahrt auf dem Thuner- und Brienzersee. Thun/Gwatt: Weberverlag.ch, 2021
- Jürg Meister. 200 Jahre Dampfschifffahrt in der Schweiz. Thun/Gwatt: Weberverlag.ch, 2023
- Karl Baedeker. Die Schweiz : Handbüchlein für Reisende, nach eigener Anschauung und den besten Hülfsquellen bearbeitet. Mit einer Reisekarte und einer Alpen-Ansicht vom Rigi. Koblenz: Baedeker,1844
- Karl Baedeker. Die Schweiz : Handbüchlein für Reisende, nach eigener Anschauung und den besten Hülfsquellen bearbeitet. Mit einer Reisekarte und einer Alpen-Ansicht vom Rigi. Koblenz: Baedeker,1844 (Digitalisat der Bayrischen Staatsbibliothek)
- Laurent Tissot, Tourismus. In: Historisches Lexikon der Schweiz, Online-Ausgabe (Stand 2022)
- Quirinus Reichen. Per Bahn in die Berge. In: Berner Zeitschrift für Geschichte, 2019, Nr. 3, S. 85-101
- Wilhelm Ulrich Oppermann: Hôtel et pension Bellevue près Thoune, ca. 1836-1840 (Wikipedia CC)
Faltprospekt «Berner Oberland, Dampffschiffahrt Thuner- und Brienzersee» (1908) aus der Sammlung von Tourismusprospekten der Schweizerischen Verkehrszentrale unter der Signatur V 4800 (nicht im Online-Katalog verzeichnet)
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