Von Brahms-Samstagen und Bruckner-Sonntagen
Die Leidenschaft für Musik durchzieht das Werk des Bündner Schriftstellers und Gelehrten Iso Camartin. Eine neue Musik-Sammlung im Archiv Camartins bezeugt seine Begeisterung.
Von Lina Caspescha
Wer die klimatisierten Magazine des Schweizerischen Literaturarchivs betritt, erwartet meist das Rascheln von Papier oder den Geruch alter Typoskripte. Doch im Archiv von Iso Camartin, dem Mann, der für viele als Inbegriff des «intellektuellen Graubündens» gilt, stösst man auf einen Neuzugang, der einen ganz anderen Rhythmus vorgibt. Zwischen den Dokumenten eines bewegten Lebens als Professor für rätoromanische Literatur und Kultur, SRF-Kulturchef und als Schriftsteller lagert seit Neuem eine CD-Sammlung, die dem Archiv einen klingenden Zuwachs beschert.
Dabei ist das, was nun in den Archivschachteln still ruht, nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs; Camartins private Sammlung darf man sich dementsprechend raumfüllend vorstellen. Diese Hingabe an die Musik ist weit mehr als ein beruflicher Nebenschauplatz. Sie ist Ausdruck einer gelebten Begeisterung für klassische Musik, die er mit seiner Frau Melitta Schachner-Camartin, emeritierte Professorin für Neurobiologie, teilt. Im Hause Camartin herrscht eine fast rituelle musikalische Ordnung, die keinen Zufall duldet. Am Montag hört das Paar Französisches, etwa Berlioz, Debussy oder Ravel. Am Dienstag dreht sich alles um die deutschen Komponisten, etwa Schumann, Schubert oder Beethoven. Während die Wochenmitte Raum für freiere Erkundungen lässt, ist das Wochenende sakrosankt: Samstage gehören unumstösslich Brahms, die Sonntage sind für die monumentalen Werke Bruckners reserviert.
Besonders die Oper hat es dem Schriftsteller angetan. Für Camartin sind Arien keine blossen Unterhaltungsstücke, sondern «Oasen des Wohlklangs» – Orte, an denen man in der Wüste des Alltags aufatmen kann. In seinem Buch «Opernliebe. Ein Buch für Enthusiasten» erklärt er seine Begeisterung für die «spektakuläre Kunstform», der er sich auch als Leiter der «Opernwerkstatt» am Opernhaus Zürich widmete. Seine Essays, etwa in «Nessun dorma – Niemand schlafe! Arien, Duette, Ensembles – 48 Oasen des Wohlklangs» oder «Mein Herz öffnet sich deiner Stimme. Eine Zeitreise gesungener Empfindungen in 50 Arien», beschreiben die menschliche Stimme als ein Organ zum Ausdruck zutiefst menschlicher Emotionen. In diesen Publikationen sucht er stets nach der «Euphonie», jenem griechischen Ideal des Wohlklangs, das über das bloss Gefällige hinausgeht. Ein interessanter Fund in seinem Archiv gibt Aufschluss über seine drei Lieblingsstimmen: in grosser, sicherer Handschrift steht auf der Hinterseite eines Typoskripts «Jussi Björling, Lucia Popp, Christa Ludwig». Camartin spielt weniger die Rolle des passiven Hörers als die des sorgfältigen Kurators. «Far art e part» nennt man dies auf Rätoromanisch, Kunst machen heisst, daran teilzunehmen oder wie in Camartins Fall: die philosophisch-literarische Beschäftigung mit der Musik heisst Teil des Phänomens Musik zu sein.
Die CDs bilden die Brücke zwischen diesem privaten Genuss und Camartins öffentlichem Wirken. Sie waren oft der unmittelbare Anlass für seine publizistischen Tätigkeiten, etwa für seine Rubrik «Musik der Woche» im Onlinemagazin «Journal21», für das er heute noch schreibt. Mit der Aufnahme dieser Sammlung im Archiv Camartins wird nun greifbar, wie aus Tönen Texte wurden. Die Brahms-Samstage und Bruckner-Sonntage finden so ihre Fortsetzung in einem Archiv, das nun nicht mehr nur gelesen, sondern auch gehört werden kann.
Iso Camartin, geboren 1944 in Chur, aufgewachsen in Disentis, war von 1985 bis 1997 Professor für Rätoromanische Literatur und Kultur an der Universität Zürich und an der ETH Zürich. Von 2000 bis 2003 war er Leiter der Kulturabteilung beim Schweizer Fernsehen DRS. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem prestigeträchtigen Europäischen Essaypreis Charles Veillon.

